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20:45 04.03.2014
Von Stefan Arndt
In der Endlosschleife: Szene aus „Einstein on the Beach“. Quelle: Jansch
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Berlin

Es gibt nicht sehr viele Stücke im 
20. Jahrhundert, die eine solche Wirkung entfaltet haben. Nachdem der Komponist Philip Glass und der Regisseur Robert Wilson 1976 ihre Oper „Einstein on the Beach“ beim Festival von Avignon gezeigt hatten, war die Theaterwelt elektrisiert von einer ganz neuen Bühnensprache. Doch kann, was die Menschen vor fast 40 Jahren bewegt hat, auch heute noch interessieren? Diese Frage hat Wilson umgetrieben, als er die Produktion der Uraufführung vor zwei Jahren noch einmal aufpolierte und das Stück leicht überarbeitet auf Welttournee schickte.

Zum Abschluss dieser Theaterreise ist „Einstein on the Beach“ nun in Deutschland erstmals in Berlin zu sehen. Dort kann der Regisseur vor dem Haus der Berliner Festspiele seine Frage eindrucksvoll beantwortet finden: Das alte Stück macht noch immer neugierig. So groß wie vor dieser späten Premiere ist der Andrang jedenfalls nur sehr selten, schon weit vor dem Theater stehen Menschen mit „Suche Karte“-Schildern.

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Dabei ist das Stück noch immer eine Zumutung. Glass und Wilson präsentierten damals eine neue Avantgarde weit abseits bisheriger Strömungen. Nie zuvor hatte sich ein Musiktheaterstück so radikal allen Deutungsversuchen entzogen: „Einstein on the Beach“ hat keine lineare Handlung, es gibt noch nicht einmal einen richtigen Text. Fassbare Bezüge zu Leben oder Werk Albert Einsteins, der immerhin in der Figur eines Geigers auf der Bühne präsent ist, gibt es dementsprechend nicht. Die Sänger singen entweder die Zahlen des Taktschlags oder den Notennamen der jeweiligen Tonhöhe. Nur gelegentlich kann man mehrere Wörter hören: in von Schauspielern improvisierten Passagen oder den kryptischen Gedichten Christopher Knowles. Dazu kommt eine Musik, die weder Anfang noch Ende zu kennen scheint. Philip Glass’ von sechs Musikern live gespielte Minimal Music erinnert eher an eine tönende Mustertapete – ein mal fein verwirbelter, mal breit strömender Klangfluss, der sich stets im Hintergrund hält und doch eine soghafte Wirkung entfalten kann.

In ihrer ersten gemeinsamen Arbeit 1976 haben beide Künstler jene Ausdrucksformen gefunden, die längst ihre unverkennbaren Markenzeichen geworden sind. Der Aufführung in Berlin ist das Alter des Stückes aber kaum anzumerken. Die zurückgenommene, klare Ästhetik scheint seltsam zeitlos zu sein. Weite und Licht bestimmen eine Bühne, die von wenigen Objekten beherrscht wird: eine stilisierte Lokomotive, ein aus wenigen Quadern zusammengeschobener Gerichtssaal, ein verschobenes Ziffernblatt ohne Zeiger.

Vor dieser Kulisse passiert Sonderbares. Die Figuren, die gelegentlich einzeln aus einem Chor heraustreten, durchlaufen immer wieder die gleichen, unnatürlichen Bewegungsmuster. Ziel oder Sinn ihrer Handlungen ist nicht auszumachen: Menschen in der Endlosschleife. Manchmal überlassen sie die Bühne 
sogar ganz einem Ballettensemble. Dann löst sich das Individuum endgültig in tönend bewegte Form auf.

Das Publikum kann sich diesen theatralen Bewusstseinsstrom selbst rhythmisieren. Die Autoren laden ausdrücklich dazu ein, den Saal nach Belieben zu verlassen und wieder zu betreten. Wilson schwebt dabei eine Art von permanentem Theater vor, das immer da und jederzeit betrachtbar ist wie der Himmel über einem Park. Gut viereinhalb Stunden immerhin dauert das Stück. Ob das lang oder kurz ist, lässt sich am Ende kaum noch entscheiden: Das Zeitgefühl dürfte den meisten Zuschauern irgendwann an diesem zeitlos verrätselten Abend abhandengekommen sein. Ein Verlust ist das sicher nicht. Vielleicht aber schon der Theaterhimmel.

Noch einmal Mittwoch, sowie am 6. und 
7. März jeweils um 18.30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele. Kartentelefon: (0  30) 25 48 91 00.

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