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Kultur überregional „Da ist noch wahnsinnig viel Potenzial“
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00:21 13.06.2015
Elisabeth Schweeger wurde 1954 in Wien geboren und studierte Philosophie, Romanistik und Germanistik in Innsbruck, Wien und Paris.
Elisabeth Schweeger wurde 1954 in Wien geboren und studierte Philosophie, Romanistik und Germanistik in Innsbruck, Wien und Paris. Quelle: Marta Krajinović
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Hannover

Frau Schweeger, 2009 sind Sie angetreten, um aus den Festwochen Herrenhausen eine neue Marke, die „Marke Herrenhausen“, zu machen. Wo stehen die Kunstfestspiele heute?
Ich sollte ein Festival entwickeln, das vom Barock ausgehend Türen in die Moderne öffnet. Es sollte ein Format sein, das das Schloss mit seiner Wissenschaftstradition und den barocken Garten miteinbezieht. In der Rückschau kann ich sagen: International waren die Kunstfestspiele viel leichter zu etablieren als lokal: dank hochkarätiger eigener Produktionen und Koproduktionen mit ausländischen Festivals und Kunstorten. Das Problem war eher die Anbindung an Hannover. Die war nicht ganz einfach herzustellen, aber ich denke, wir sind jetzt in der Stadt angekommen.

Die Erwartungen waren von Anfang an hochgespannt. Als die Niedersächsische Sparkassen-Finanzgruppe 2009 beschloss, das neue Festival drei Jahre lang mit jeweils 200 000 Euro zu unterstützen, hieß es beispielsweise: „Mit Herrenhausen spielen wir in der Bundesliga, aber noch nicht im Uefa-Cup ...“
Es kommt immer darauf an, wie lange man Zeit für das Erreichen des Uefa-Cups hat. In nur einem Jahr geht das mit einem neuen Format nicht, in sechs Jahren schon. Wie gut wir jetzt aufgestellt sind, zeigt doch allein schon mein Nachfolger, Ingo Metzmacher, ein international renommierter Dirigent. Wenn man so jemanden für sein Festival gewinnt, dann weiß man, was man geleistet hat.

Die Frage, in welcher Liga man spielt, hängt auch vom Budget ab. In Ihrem Fall waren es pro Jahr ca. 1,2 Millionen ...
Ja, mancher hat wohl trotzdem von einer Strahlkraft wie bei den Salzburger Festspielen geträumt. Das geht mit so einem Budget nicht. Die Kunst war, mit wenig Geld Gutes zu entwickeln. Es war gewünscht, dass wir auch Eigenproduktionen machen. Das haben wir mithilfe von Stiftungen, Koproduktionen auf sehr hohem Niveau hinbekommen.

Von Anfang an begleiteten politische Querelen die Kunstfestspiele. Die Sorge war: Zu viel Avantgarde schreckt Zuschauer ab. Bemerkenswert ist: Diese Kritik ist kein Hannover-Phänomen. Die Salzburg Biennale Neue Musik beispielsweise war zu Beginn mit ganz ähnlichen Vorwürfen konfrontiert. Warum gibt es diese Skepsis gegenüber der Moderne?
Alles, was neu ist, braucht Zeit. Jede Stadt hat zudem ihre eigenen Traditionslinien. Heiner Goebbels beispielsweise, den ich von Anfang an im Programm hatte, ist ein auf der ganzen Welt bekannter Komponist. Ich war erstaunt, auf wie wenig Resonanz er trotzdem anfangs in Hannover stieß. Das ist keine Spitze gegen die Stadt. Man merkte einfach, welche Traditionslinien man hier, vor allem im Bereich Neuer Musik, nicht weiterentwickelt hat.

Auch als Goebbels sein Publikum gefunden hatte, blieb der Vorwurf, die Kunstfestspiele schreckten mit zu viel Moderne Besucher ab.
Umgekehrt wird ein Schuh draus: Wenn es in der Geschichte der Kultur nur nach der Quote gegangen wäre, gäbe es weite Teile unserer heutigen Kultur gar nicht. Mozart ist arm gestorben. Heute hört man auf jeder Toilette seine Musik. Das Problem ist nicht, dass niemand auf die Ängste der Politik reagiert. Das Problem ist, dass zu viele inzwischen auf die Quote schauen und es dadurch zu viel angepasste Kunst gibt.

Möglicherweise war der Bruch zwischen Festwochen und Kunstfestspielen zu groß. Alte Musik, früher ein Schwerpunkt, kommt heute gar nicht mehr vor.
Ich habe gerade zu Beginn der Kunstfestspiele viele Brücken gebaut: in Richtung Barock mit einem modern inszenierten „Orfeo“ von Monteverdi oder dem „Semele Walk“ mit Vivienne Westwood zu Musik von Händel. Auch lokale Künstler habe ich von Anfang an mit einbezogen. Aber man muss auch sagen: Es gibt hier in der Region genügend Festivals, die das Barockzeitalter bedienen. Nach Göttingen beispielsweise, zu den Händelfestspielen, fährt man von Hannover eine halbe Stunde. Die Region muss ihre Vielfalt artikulieren – und dass sie sich mit einem eigenen, hochkarätigen Festival auch der Avantgarde widmet, ist eine Stärke, keine Schwäche.

Wie wichtig ist der Fokus auf den Standort Herrenhausen für die Kunstfestspiele eigentlich noch? Der neue Intendant Ingo Metzmacher hat bislang einen Programmpunkt für 2016 bekannt gegeben: die Gurrelieder. Die finden im Kuppelsaal statt.
Für mich war es wichtig, mich zu begrenzen, um die Marke Herrenhausen neu zu definieren. Herrenhausen muss aus meiner Sicht auch weiter das Herzstück der Kunstfestspiele sein. Aber ich denke, man kann jetzt auch rausgehen. Herrenhausen ist ja doch ein Stück von der Stadt entfernt. Die Stadt mit den Kunstfestspielen zu überspannen, das wäre doch eine schöne Zukunftsvision.

Welche Projekte konnten Sie nicht realisieren?
Da gibt es viele. Mit James Turrell bin ich lange durch den Garten gewandert. Mit einer Lichtinstallation von ihm hätte man das Areal neu beleuchten können. Zu teuer. Überhaupt bietet sich der Garten für Lichtinstallationen an. Architekturstudenten hatten Modelle entwickelt, wie man den Garten mit Natur überdachen kann. Wäre das Geld dagewesen, um eines zu realisieren, hätte man auch draußen mehr machen können. Ein künstlerisches Dach könnte man auch zwischen Galerie und Orangerie spannen. Da ist noch wahnsinnig viel Potenzial.

Was macht die scheidende Intendantin am Montag, dem Tag nach dem Ende ihrer letzten Kunstfestspiele?
Sie fährt mit dem Zug nach Ludwigsburg. Dort hat sie mittags als Leiterin der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg einen Termin.

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