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Kultur überregional Das Häkchen-Konzert
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00:25 27.11.2014
Von Uwe Janssen
Keine Glamshow, dafür Hitparade: Die Fans können beim Konzert von Elton John in der TUI Arena Häkchen an den einen oder anderen persönlichen Favoriten machen.
Keine Glamshow, dafür Hitparade: Die Fans können beim Konzert von Elton John in der TUI Arena Häkchen an den einen oder anderen persönlichen Favoriten machen. Quelle: Hagemann
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Hannover

Neulich hat Elton John in St. Petersburg eine Art Wutrede gegen Homophobie gehalten. Gerade hatten sie in der Stadt ein Denkmal für Apple-Gründer Steve Jobs abgerissen, weil dessen Nachfolger Tim Cook sich als schwul geoutet hat. Sir Elton schäumte in seinem Konzert kurz und verstand es dabei, den Fokus seines Ärgers nicht auf das Volk, sondern auf die Macht zu lenken. "Macht das auch aus iPads Homo-Propaganda?" Dann sang er "Believe" und hinterließ bleibenden Eindruck. In Hannover singt er das Lied auch. Hier ist es einfach eins von vielen. Und das ist in diesem Zusammenhang auch gut so.

Elton John sagt erst einmal gar nichts, sondern setzt sich auf seinen Klavierhocker und spielt. Vier Songs aus seinem wichtigsten Album "Goodbye Yellow Brick Road", unter anderem "Bennie and the Jets" und "Candle in the Wind". Dann erhebt er sich, viele der 7500 Menschen im komplett bestuhlten Saal tun das auch. "Guten Abend Hannover, schön hier zu sein", sagt er, ebenso höflich wie unverbindlich. Sein Glitzergehrock funkelt im Bühnenlicht, in Sachen Brillenmode (rot, rund, klein) haben ihm seine Musiker mittlerweile fast den Rang abgelaufen. Dann geht's weiter. Musik ist hier das Thema. Keine Glamshow. Gut so.

Elton John hat sich für ein Hitkonzert entschieden. Über die  Möglichkeit, aus einem großen Sack von Gassenhauern ein Abendprogramm zusammenstellen können, wäre mancher Kollege froh, für Elton John ist eher die Frage: Welche lasse ich weg? Und so machen die Siebeneinhalbtausend ihre Häkchen hinter den einen oder anderen persönlichen Favoriten. "Tiny Dancer", "Daniel" oder auch "Goodbye Yellow Brick Road" (mit einem unfassbar, aber lustig kitschigen Video auf der Leinwand) zieren die erste Stunde. Aber es gibt auch eine schöne, ausgelassene Version von "Levon", diese vieldeutige Ballade über den Ballonverkäufer, der sein Kind Jesus nennt, weil er den Namen mag. Und als der 67-Jährige mit aller gebotenen klassischen Klavierseligkeit den "Rocket Man" auf die Reise schickt, wird es für einen Moment bedeutungsvoll. Wie ein doppeltes Ausrufezeichen: Jetzt kommt etwas Wichtiges. Für mich. Für euch. Stimmt ja auch.

Ach, man müsste mal wieder in Ruhe die alten Platten hören und auf die Texte achten. Das hat man bei Elton John mit den Jahren verlernt, weil er so oft im Nebenbeiradio gelaufen ist, und dann quatschte ein Moderator rein, und dann kam der Verkehrsfunk. Also entweder an den CD-Schrank oder hier. Das Problem in der TUI-Arena: Man versteht Herrn John nicht immer, denn er vernuschelt einiges, und obwohl die Soundleute für ein wie immer recht lautes Elton-John-Konzert ihr Bestes tun, geht manches Wort in der Weite des Raums flöten.

Doch der Nostalgiezug ist dadurch nicht aufzuhalten. Er rollt, verlässlich angetrieben im Wechsel durch Großraumballaden und den guten alten Rock 'n' Roll. Er rollt präzise und trotzdem leidenschaftlich, obwohl er die Strecke schon tausendmal gefahren ist. Dieser Routine auf der Bühne zu entkommen, es frisch wie am ersten Tag aussehen und klingen zu lassen, ist eine Kunst. Elton John beherrscht sie. Zu sehr pieksen schon ein, zwei einleitende Klavierakkorde das kollektive und persönliche Erinnerungsvermögen an. "I guess that's why they call it the Blues" (in einer mächtig flotten Version), "The One" (als schwelgerisches Pianosolo), "Sorry seems to be the hardest Word", "Sad Songs", "Don't let the Sun go down on me", "Your Song"  - wie viele Elton-John-Songs sich im Laufe der Zeit ins Gedächtnis geschlichen haben! Würde man alle löschen, wäre vermutlich erstaunlich viel Platz im Kopf.

Aber was würde man dann bei diesem Konzert machen, das einen zeitmaschinenartig auch in die eigene Vergangenheit beamt und Songs mit Ereignissen oder Personen verknüpft. Ja, was? Man würde, auch ohne Bilder, trotzdem ein gutes, inspiriertes, Konzert sehen, das Musik nicht hinter Legende oder Show versteckt. Und das ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit.