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00:20 25.10.2014
Schätzing hat für seine Recherchen für "Breaking News" drei Wochen in Israel verbracht, um etwas über den Nahen Osten zu erfahren. Quelle: Eberstein
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Hannover

Dunkelheit im Theater am Aegi. Die Jingles von Nachrichtensendern dröhnen aus den Lautsprechern, in vielen Sprachen, im sich steigernden Takt. „Breaking News“, so oft, dass der Mensch nur noch Babylon versteht und hilflos ins Dunkle starrt. Dann kommt Frank Schätzing.

Der E-Reader leuchtet Schätzings Gesicht an. Der Autor liest aus seinem Buch „Breaking News“. Die Dunkelheit passt, stecken die Protagonisten doch gerade unter einem dunklen Sack. Es sind zwei Journalisten auf dem Weg zur großen Story, hilflos auf dem selbst gewählten Weg zu islamischen Entführern. Schätzings Augen liegen in schattigen Höhlen – Theatralik, wie sie Neunjährige mit Taschenlampen am Kinn erzeugen, um die Geschwister zu erschrecken. Doch der Vortrag, mit seinen Nebengeräuschen, die Schätzing teils selbst in Israel aufgenommen hat, quietschenden Reifen, Windrauschen und sphärischen Klängen, dieser Vortrag ist stimmig wie ein gutes Hörbuch.

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„Sie sind nicht in Afghanistan, Sie sind in Sicherheit“, sagt Schätzing, als das Licht angeht. Vielleicht kokettiert hier einer mit der Eindringlichkeit des eigenen Vortrags, vielleicht ist das auch einfach eine Frechheit, das muss man als Zuschauer selbst entscheiden. Schätzing wird jedenfalls zum Erklärbären in schwarzen Cowboystiefeln. Es ist ein Text, den man so ähnlich auch unter dem Suchwort „Nahostkonflikt“ bei Wikipedia findet. Genesis, Moses, Zionisten, Palästina, Ben-Gurion, Drei-Tage-Krieg, Scharon. Schätzing hat sich einiges angelesen.

Und er hat viele Menschen für die Recherche getroffen. Der Journalist Julian Reichelt hat ihn schwer beeindruckt, sagt Schätzing. Der Kriegsreporter, heute Chef von bild.de, habe wissen wollen, wie „die Menschen dort unten damit umgehen“, mit dem Leben nach dem Krieg, nach dem Horror. Reichelt hat seinen Weg bei „Bild“ gemacht. Dort weiß man, dass man für eine Story manchmal Grenzen überwinden muss – nicht nur die auf Landkarten. Schätzing hat drei Wochen in Israel verbracht, um etwas über den Nahen Osten zu erfahren. Dabei hat er schöne, kleine Geschichten erlebt. So wird er einmal in einen Keller geführt, der Gastgeber möchte ihm etwas zeigen. Schätzing geht die dunkle Treppe hinab, bekommt Angst und sieht sich selbst als kommende „Breaking News“. Natürlich wird er nicht zur Geisel, er entkommt dem Keller, „ein bisschen erleichtert, ein bisschen beschämt“, wie er sagt.

Leider hat Schätzing diese Geschichten ordentlich auswendig gelernt. Er spricht sie mit einer überbetonenden Stimme, wie man es von der deutschen Stimme Robert de Niros bei den Flugzeugträger-Dokus auf N24 kennt. Ein paarmal kommt die aus Israel stammende Sängerin Ofrin auf die Bühne. Sie bezeichnet sich selbst als „halb polnisch, ein Viertel deutsch, ein Viertel tunesisch – geboren in Israel“. Jetzt lebt sie in Berlin. Schätzing sagt, sie habe ihn, auch wenn die Stimme deutlich an Björk erinnert. Und sie passt zu dem, was er sagen will: Es ist alles nicht so einfach mit den Völkern, mit der Herkunft und dem, wie man damit umgeht. Und sie passt zu Schätzings Version einer Lesung, die eben auch eine große Show sein will.

Schätzing hat Millionen Bücher verkauft. „Breaking News“, fast 1000 Seiten lang, hat auch von Kritikern viel Lob bekommen. In dieser Action-Lesung aber gibt es einen Grundfehler. Schätzing ist naiv und Volkshochschullehrer zugleich. In einer Kölner Kneipe, beim Gespräch mit Freunden, da sei ihm die Idee zum Buch gekommen. Er lässt seinen Manager Kontakte knüpfen, fährt nach Tel Aviv, Jerusalem, und in die Westbank. Er trifft Menschen. Und er merkt: Israelis und Araber hauen sich ja gar nicht in jeder Mittagspause die Spitzhacke ins Kreuz. Es gibt sogar Freundschaften. Heidewitzka!

Gut, dass wir mal drüber gesprochen haben.

Von Gerd Schild

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