Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Kultur überregional Gabriele Heinen-Kljajic will einen Ausgleich zwischen Hoch- und Breitenkultur
Nachrichten Kultur Kultur überregional Gabriele Heinen-Kljajic will einen Ausgleich zwischen Hoch- und Breitenkultur
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 24.03.2013
Von Ronald Meyer-Arlt
Foto: Fährt jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit: die neue Wissenschaftsministerin mit dem unausprechlichen Namen Gabriele Heinen-Kljajic.
Fährt jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit: die neue Wissenschaftsministerin mit dem unausprechlichen Namen Gabriele Heinen-Kljajic. Quelle: Nico Herzog
Anzeige
Hannover

Ehrlich gesagt, Frau Ministerin, bin ich ein bisschen enttäuscht. Sie sind schon einen Monat im Amt, und noch immer gibt es vor Ihrem Ministerium keinen vernünftigen Fahrradparkplatz. Da hätte eine grüne Ministerin aber doch längst ...

Fahren Sie einfach ums Haus herum. Hinten gibt es einen großen Fahrradschuppen. Wir haben sogar zwei Dienstfahrräder. Die musste ich übrigens nicht extra anschaffen, die gab es schon.

Sie kommen mit der Bahn zur Arbeit?

Ja, ich wohne in Braunschweig, und ich habe ein Jobticket.

Sie scheinen ja früh schon Zeichen setzen zu wollen. Der Kunsthalle Emden verweigern Sie Zuschüsse, die Ihre Vorgängerin im Ministerium zugesagt hatte. Haben Sie etwas gegen Leuchttürme?

Nein. Ich habe ganz und gar nichts gegen Leuchttürme, und ich verweigere der Kunsthalle Emden auch keine Gelder. Es geht um zusätzliche 300.000 Euro für den Etat der Kunsthalle, die wir in den Haushaltsverhandlungen anmelden werden. Das muss der Landtag entscheiden. Bei weiteren 300.000 Euro, die der Kunsthalle für eine einmalige Sondertilgung ihrer Schulden zugesagt worden sind, herrscht Uneinigkeit über den Wert der Bilder, die die Kunsthalle dem Land überlässt. Die Haushaltsordnung schreibt vor, dass solch eine Sondertilgung nur vorgenommen werden kann, wenn ein Gegenwert vorliegt. Über die Höhe dieses Gegenwerts hat man sich noch nicht einigen können. Deshalb ist diese Tilgung nicht zustande gekommen.

Es wirkt aber doch ein bisschen so, als sei die neue Landesregierung nicht sehr an der Strahlkraft der kulturellen Leuchttürme des Landes interessiert.

Dieser Eindruck trügt. Ich bin sehr dafür, dass der Etat der Kunsthalle um 300.000 Euro aufgestockt wird. Ich finde, es muss Leuchttürme geben. In der Kunst und in der Wissenschaft ist es wie im Sport: Ohne Breitensport gibt es keinen Spitzensport und ohne Spitzensport keinen Breitensport.

Das klingt jetzt sehr nach Sonntagsrede.

Ich meine, der Vergleich trifft es ganz gut. Ich will, dass sich Hochkultur und Breitenkultur gegenseitig ergänzen. Wir brauchen kulturelle Leuchttürme, aber trotzdem ist das Thema Teilhabe im Bereich der Kultur besonders wichtig.

Bei den Eckpunkten grüner Kulturpolitik steht das Wort Teilhabe ganz weit oben.

Genau. Das ist das Leitbild der Kulturpolitik, wie wir sie in den kommenden Jahren machen wollen. Und da gibt es viel zu tun. Wenn man sich die öffentlich geförderten Kulturangebote anschaut, stellt man fest, dass nur etwa 15 Prozent der Bevölkerung an diesen Kulturangeboten partizipieren. Das, finde ich, ist zu wenig. Wir müssen diejenigen erreichen, die bisher nicht ins Museum oder ins Theater gehen.

Der frühere Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann hat die Parole „Kultur für alle“ in den siebziger Jahren ausgegeben. Das ist jetzt auch schon immerhin vierzig Jahre her.

Aber die Forderung ist nicht überholt. Der Anspruch ist bis heute nicht eingelöst worden. Es gibt keinen Grund, sich diesem Grundgedanken nicht zu widmen. Außerdem ist diese Forderung heute kein grünes Spezifikum mehr. Schauen Sie sich die Staatstheater und die Museen an. Alle sind längst dabei, neue Publikumsschichten zu gewinnen.

Aber wenn es diesen Anspruch schon so lange gibt, ist es doch merkwürdig, dass man ihn immer noch formulieren muss. Oder?

Der Grundgedanke ist richtig. Das Problem liegt in der Umsetzung. Wenn Theater neue Publikumsschichten erreichen wollen, gelingt ihnen das nur, wenn sie etwas auf die Bühne bringen, das einen Bezug zur aktuellen Lebensrealität der Menschen hat, die sie erreichen wollen. Gerade habe ich in Braunschweig das Themenwochenende Interkultur eröffnet, in dessen Mittelpunkt Fragen der Migration standen. Das Theater war voll besetzt von Menschen mit Migrationshintergrund, die das Geschehen auf der Bühne total spannend fanden. Ich möchte, dass so etwas zur Philosophie des klassischen Kulturangebotes wird.

Heißt das auch: Weniger Geld für die alten Leuchttürme?

Nein, das heißt es nicht. Es geht nicht um Umschichtung der Zuwendungen von Staatstheatern oder Landesmuseen in soziokulturelle Projekte. Es geht darum, dass sich die stark geförderten Institutionen den Menschen stärker öffnen, die bisher noch nicht zu ihrem Stammpublikum gehören. Das heißt auch, dass die etablierten Häuser stärker als bisher mit der freien Kultur kooperieren sollen. Davon profitieren dann beide.

Das klingt alles so einfach. Und vielleicht auch blauäugig. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat Kultur einmal als das Feld einander wechselseitig ablehnender Ablehnungen definiert. Vielleicht ist das Miteinander nicht so einfach, wie Sie sich das vorstellen.

Bourdieu hat vor allem gesagt, dass kulturelle Teilhabe und soziale wie ökonomische Teilhabe miteinander korrelieren. Es ist also in einer Demokratie ein Gebot der Gerechtigkeit, zu versuchen, möglichst viele Menschen mit Kunst und Kultur zu erreichen. In Zeiten knapper Kassen steht der Kulturhaushalt - zu meinem großen Bedauern - immer sehr schnell zur Disposition. Umso mehr muss ich dafür sorgen, dass die Ausgaben legitimiert sind. Außerdem ist das Bestreben, neue Publikumsschichten zu erschließen, auch im Interesse der Theater und Museen im Lande selbst. Denn nur so werden sie auch in Zukunft volle Häuser haben.

Ihre Vorgängerin, Johanna Wanka, hat oft deutlich gemacht, dass es ihr gelungen sei, dass die finanziellen Zuwendungen für die Kultur in Niedersachsen während ihrer Amtszeit gegen den allgemeinen Trend sogar noch gewachsen sind. Meinen Sie, dass Sie das fortsetzen können?

Da muss ich einerseits sagen: Respekt, dass es ihr gelungen ist, die Mittel noch mal aufzustocken, aber andererseits muss ich auch feststellen, dass wir - wenn man die Steigerung der Personalkosten in die Rechnung einbezieht, jetzt im Jahr 2013 auf dem Niveau sind, auf dem wir auch im Jahr 2003 waren, als Schwarz-Gelb an die Regierung kam. Johanna Wanka hat die Kürzungen ihres Vorgängers nur aufgefangen.

Das kann man auch als Eigenverpflichtung verstehen. Wenn wir jetzt auf dem Stand von 2003 sind, sollte die Kultur in den kommenden Jahren aber deutlich besser versorgt sein.

Ich habe mich den Haushaltsberatungen zu stellen. Wir planen Mehrausgaben im Kulturbereich. In welchem Umfang es uns gelingt, das durchzusetzen, werden wir sehen. Fakt ist, dass wir es mit einer erheblichen Schuldensituation zu tun haben und dass die Schuldenbremse 2020 auf uns zukommt. Da werden keine großen Spielräume bleiben - solange sich die Einnahmesituation des Landes nicht verbessert.

Wird sich an den Vergabemodalitäten etwas ändern?

Ja. Die Vorgängerregierung hat viele Entscheidungen über die Vergabe von Mitteln für die freie Kultur ins Ministerium für Wissenschaft und Kultur gezogen. Das werden wir ändern. Die Landesverbände, etwa für freie Theater oder für Soziokultur, sollen die Mittelvergabe im freien Bereich koordinieren. Es ist sinnvoll, weil niemand die jeweilige Szene besser kennt als die Fachverbände. Früher wurde über die Mittelvergabe in der freien Szene auch so entschieden, und wir sind viele Jahre sehr gut damit gefahren. Aber dabei handelt es sich nur um einen ein sehr kleinen Teil im Kulturetat.

Interview: Ronald Meyer-Arlt