Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Kultur überregional Männer sind lächerlich
Nachrichten Kultur Kultur überregional Männer sind lächerlich
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 27.05.2014
Von Stefan Stosch
Foto: Die Goldene Palme des Filmfestivals Cannes geht in diesem Jahr an den türkischen Film „Winter Sleep“ von Nuri Bilge Ceylan.
Die Goldene Palme des Filmfestivals Cannes geht in diesem Jahr an den türkischen Film „Winter Sleep“ von Nuri Bilge Ceylan. Quelle: dpa
Anzeige
Cannes

So etwas nennt man wohl einen Start-Ziel-Sieg: Der türkische Film "Winter Sleep" von Nuri Bilge Ceylan gehörte zu den ersten Wettbewerbsbeiträgen - und fortan auch zum engsten Kreis der Palmen-Kandidaten. Ja, manche hatten sogar schon im Vorfeld von Cannes gemutmaßt, Ceylan sei jetzt einfach mal dran, nachdem er sich in der Vergangenheit mit weniger wichtigen Preisen hatte begnügen müssen. Und nun hält der 55-Jährige tatsächlich die Goldene Palme in Händen. Die Jury um die neuseeländische Regisseurin Jane Campion hat die naheliegendste Entscheidung getroffen.

In 196 Minuten zelebriert Ceylan die Demontage eines Patriarchen im ländlichen Kappadokien. Daraus lässt sich durchaus ein Abgesang auf überkommene Herrschafts- und Sozialstrukturen in der Türkei ableiten. Allerdings braucht es Geduld, um dies zu erkennen: 196 Minuten lang ist das Werk, in dessen Zentrum  brillant austarierte Konversationsduelle des despotischen Hotelbesitzers mit jüngerer Ehefrau und Schwester stehen. Damit hat zum zweiten Mal ein türkischer Film den weltweit begehrtesten Festivalpreis gewonnen: 1982 gelang das bereits Serif Gören und Yılmaz Güney mit "Yol - Der Weg".

Wenn aber ein Mann die Palme hat, dann sollte offenbar eine Frau die zweitwichtigsten Auszeichnung bekommen - hatte Campion doch zu Beginn einen weiblichen Blick auf die Welt eingefordert: Et voilà, der große Jury-Preis geht an die Italienerin Alice Rohrwacher für "Le Meraviglie". Diese Wahl kommt wirklich einem kleinen Wunder gleich. Das harsche, unrunde Sozialdrama über einen deutschen Althippie, der mit seiner Familie in Umbrien  Bienen züchtet,  hatte kaum einer auf der Liste. Die Japanerin Naomi Kawase mit ihrem poetischen Film "Still the Water" schien da schon eher eine Option.

Die wichtigsten Preisträger

Bei den Filmfestspielen Cannes sind am Samstag die Hauptpreise verliehen worden. Die wichtigsten Auszeichnungen des 67. Festivals im Überblick:

GOLDENE PALME: „Winter Sleep“ von Nuri Bilge Ceylan (Türkei)

GROSSER PREIS DER JURY: „Le meraviglie“ von Alice Rohrwacher (Italien)
(Kanada) und „Adieu au langage“ von Jean-Luc Godard (Frankreich)

BESTE SCHAUSPIELERIN: Julianne Moore in „Maps to the Stars“ von David Cronenberg (Kanada)

BESTER SCHAUSPIELER: Timothy Spall für „Mr. Turner“ von Mike Leigh (Großbritannien)

BESTE REGIE: Bennett Miller für „Foxcatcher“ (USA)

BESTES DREHBUCH: Andrej Swjaginzew und Oleg Negin für „Leviathan“ (Russland)

GOLDENE PALME für den besten KURZFILM: „Leidi“ von Simón Mesa Soto (Kolumbien)

dpa

Erstaunlicherweise geht es auch im Film der 35-jährigen Rohrwacher um einen Mini-Despoten, der erst dank seiner eigenwilligen Teenie-Tochter ein wenig Vernunft annimmt. So zeichnete sich im Festivalpalais zu Cannes an diesem Abend der Sieg der lächerlichen Männer ab.Der Preis für die beste Regie ging an den US-Amerikaner Bennett Miller für das packende Ringerdrama "Foxcatcher", in dem ein psychopathischer Multimillionär seinen wichtigsten Angestellten erschießt, also auch reine Männersache. Die Russen Andrej Swjaginzew und Oleg Negin holten sich den Drehbuchpreis für "Leviathan" ab, eine geradezu hinterhältige Geschichte über die Ohnmacht des Individuums gegenüber der korrupten russichen Obrigkeit, vertreten natürlich von Männern.

Der junge Kanadier Xavier Dolan galt bei vielen als erste Palmen-Wahl. Ihm blieb mit seiner furosen Mutter-Tochter-Geschichte am Ende der Jury-Preis, jedenfalls die eine Hälfte davon. Die andere erhielt Jean-Luc Godard für seinen rätselhaften 3-D-Essay "Adieu au Langage". So wurden das auch formale Grenzen spregende Nesthäkchen, gerade 25 Jahre alt, und der 83-jährige Avantgardist mit Hang zu übermäßiger Verspieltheit zusammengespannt.

Der Darstellerpreis für den Briten Timothy Spall im Malerporträt "Mr. Turner" (Regie: Mike Leigh)  ist eine wahre Freude. So wie Spall hat wohl kaum je ein Mann zuvor im Kino gegrunzt und damit seine Unfähigkeit zur Kommunikation vielsagend deutlich gemacht. Dass auch die Amerikanerin Julianne Moore als hysterische Hollywood-Dival in "Maps to the Stars" (Regie: David Cronenberg) gewann, überrascht schon eher. Nicht dass die wie so oft grandiose Moore die Ehre nicht verdient hätte, sonder weil damit die Französin Marion Cotillard im Dardenne-Film "Zwei Tage, eine Nacht" leer ausging.

Denn das fällt in der Gesamtbilanz auf: Die gastgebenden Franzosen, gleich mit vier Filmen im Palmen-Rennen, fahren beinahe mit leeren Händen nach Hause. Das hat es selten gegeben und dürfte die Kinonation schmerzen. Die Deutschen dagegen, die ja  gar nicht in den Wettbewerb eingeladen waren, hatten am Ende doch noch Grund zur Freude: Wim Wenders, gestartet in der Nebenreihe "Un Certain Regard" mit der Doku "The Salt of the Earth" über den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, gewann einen Spezialpreis.

 

24.05.2014
Kultur überregional Filmfestspiele in Cannes - Unruhe im Luxusresort
Stefan Koch 24.05.2014
Dany Schrader 22.05.2014