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06:27 25.06.2014
Widerständig aus Versehen: Mirko beim FDJ-Appell.
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Erst nervt die kleine Schwester mit ihrem „Mürgo, aufstehen!“, dann irritiert diese morgendliche Ausstülpung unter der Pyjamahose, und ausgerechnet da kommt noch die Mutter ins Zimmer – es ist nicht leicht, dreizehn Jahre alt zu sein. Und für Mirko, Siebtklässler in Berlin, Hauptstadt der DDR, ist es besonders schwer. Denn seine Eltern schicken ihn heimlich zum Konfirmandenunterricht, er ist kleiner als die anderen und so unsportlich, dass seine Freunde sagen: „Der kann nur mit Büchers!“

In Mirko Watzke ist unschwer Markus Witzel zu erkennen, wie der Comic-Zeichner Mawil mit bürgerlichem Namen heißt. Er ist wie Mirko 13 Jahre in jenem Herbst 1989, in dem „Kinderland“ spielt – die Graphic Novel, die jetzt beim   Comic-Salon Erlangen als bester deutscher Comic ausgezeichnet wurde. Schon bevor Mawil hier deutsch-deutsche Erfahrungen zum Thema gemacht hat, galt der heute 38-Jährige als Spezialist für das Thema Coming of Age, also den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenwerden – wobei er stets scheiternde Antihelden ins Zentrum seiner Adoleszenzgeschichten stellt. Dabei wirft er einen durchaus sentimentalen Blick auf sein verlorenes „KinderlandDDR. Er  nimmt Abschied von gestern, von einer Kindheit, wie es sie im neuen Gesamtdeutschland nicht mehr geben kann.

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Dahinter steckt nicht DDR-Nostalgie, sondern das  Bekenntnis zu den Ängsten und Sehnsüchten einer Kindheit, die sich ohnehin nicht um staatliche Linientreue scherte. So kommt viel pralles DDR-Leben vor – von Konsum und Kaufhalle über Thälmann-Pioniere und FDJ-Appelle, FKK-Kult und Ferienlager, Pittiplatsch im Fernsehen und Simson-Mopeds auf den Straßen bis zum im Westen unbekannten Spiel „Nu, pogodi“ – „Na, warte“, der aus der Sowjetunion stammenden Spielkonsole – auf dem Schulhof. Und so kommen eben auch die Anzeichen der Auflösung dieses Staates vor, die Flüchtlinge in Ungarn, die Durchhalteparolen der Lehrer, das heimliche Westfernsehen der linientreuen Lehrerin.

All das trieft vor Klischees, aber die bilden nur die Folie für die eigentliche Konfrontation zwischen der Welt der Erwachsenen und der der Kinder. Widerständig wird Mirko nur aus Versehen – und lästig wie der FDJ-Appell ist ihm sogar der Mauerfall, weil der ein mühsam gegen Schule und FDJ durchgesetztes Tischtennisturnier zunichtemacht, über das er seine Verliererrolle hinter sich lassen will. Vom Begrüßungsgeld kauft er in West-Berlin denn auch nur einen Tischtennisschläger für seinen besten Freund. Aus der Underdog-Perspektive seines kleinen Helden zeichnet Mawil solche Szenen mit rasantem Strich. Er hat an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studiert, ist zugleich sichtlich von den Ligne-Clair-Größen Westeuropas beeinflusst, geht aber auch darüber hinaus: Die Slapstick-Dynamik rund um die Tischtennisplatte fängt er zeichnerisch wie in Doppelbelichtungen ein, nicht wenige seiner Action-Sequenzen würden ohne Weiteres als Storyboard-Vorlagen für einen Animationsfilm taugen.

Mawil hat gemeinsam mit Kathi Käppel schon den Videoclip zu „Guten Tag (Die Reklamation)“ von Wir sind Helden realisiert. Wer weiß, vielleicht läuft ,,Kinderland“ irgendwann animiert im Kino. Bis dahin kann man sich aber – durchaus ähnlich bewegt – durch diese opulente Graphic Novel blättern.

Mawil: „Kinderland“. Reprodukt. 296 farbige Seiten, 29 Euro.

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