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Kultur überregional Honey, everybody, feel, dancing, yeah!
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08:10 23.10.2014
Blick nach vorn: Station 17. Quelle: Chantal Weber
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Hannover

Sebastian Stuber von Station 17 aus Hamburg begreift sich als Keyboarder einer gewöhnlichen Band. Nicht als Teil eines Pop-Phänomens. Nicht als Teil eines sozialen Projekts. Und so denken alle 13 Musiker. Die meisten kennen sich seit Jahren, nehmen Songs auf und gehen auf Tournee. Der 35-jährige Stuber findet dies genauso normal wie blind zu sein.

Wer Station 17 dennoch als eine besondere Band wahrnimmt, liegt auch richtig. Ihr gehören Musiker mit und ohne Handicap an. Das kann man bisweilen hören: Katharina Bromka sang vor drei Jahren die Soulnummer „Uh-Uh-Uh“ in Fantasieenglisch, nur wenige Worte ließen sich dechiffrieren: Honey, everybody, feel, dancing, yeah!

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Auch jetzt wieder, nachdem das neunte Album „Alles für alle“ erschienen ist, werden viele Medien nicht nur über die neuen Songs berichten, sondern auch über das Thema Behinderung. Bei Station 17 ist das keine Privatsache, auch wenn die Musiker am liebsten nur über Musik sprechen würden. „Aber wir sind nicht empfindlich“, sagt Alexander Tsitsigias, einer der vier musikalischen Leiter. „Wir reden darüber.“ Station 17, vor 25 Jahren aus der Wohngruppe 17 der evangelischen Stiftung Alsterdorf hervorgegangen, gilt als Paradebeispiel für gelungene Inklusion. „Doch letztlich ist das, was wir machen, bloß Musik“, sagt der 35-Jährige. Die Band veröffentlicht seit Jahren hochgelobte Platten. Sie gilt als experimentierfreudig und verwendete schon elektronische Sounds und Beats, als dies noch nicht allgemein angesagt war. Ihre Tourneen wurden meist vom Musikmagazin „Spex“ präsentiert, und nicht etwa von der Aktion Mensch. Ihr Publikum wird nicht von gut meinenden Sozialarbeitern dominiert.

Mit „Alles für alle“ haben die Hamburger nun ein klassisches Popalbum aufgenommen. Erstmals mit dabei sind die Sänger Parija Masoumi, Carsten Schnathorst und Siyavash Gharibi, die alle in der Künstlerwerkstatt „Barner 16“ im Stadtteil Altona arbeiten, in der auch Station 17 beheimatet ist. Auf dem neuen Album singen sie ausformulierte deutsche Texte. Allenfalls das Instrumental „Bellealliance“ knüpft noch an den psychedelischen Vorgänger „Fieber“ an, der 2011 erschien. Die Gruppe hatte sich damals von den Talking Heads und Krautrock leiten lassen. Die Songs waren auf einem Bauernhof im Wendland eingespielt worden. Mikrofone standen auch in der Küche und der Scheune. Die Band hatte alles aufgenommen, sogar die Geräusche von Fliegen und Fledermäusen.

Diesmal macht Station 17 Dancepop, inspiriert von den Synthesizer-Bands der achtziger Jahre. Die Lieder klingen mal sanft melancholisch wie bei den Pet Shop Boys, mal dringlich wie bei New Order, und immer elegant wie bei ABC. Bands, mit denen viele Station-17-Musiker aufgewachsen sein dürften.

Gestern noch Krautrock, heute Radiopop: Der stilistische Schwenk ist bemerkenswert. Das Beste aber ist die Zuversicht, die dieses mitfühlende Album verbreitet: „Wenn die Schwerkraft kickt, Richtung Boden drückt, will ich nach Kairo, bis nach Kairo“, singt Masoumi. „Scheiß auf die Nachtwache, ich besuche dich in jedem Krankenhaus der Welt“, singt Schnathorst. „Wenn sie uns das Licht abstellen, zünden wir die Kerzen an“, singt Tsitsigias.

Im sozialkritischen Titelsong macht sich Station 17 für eine bessere Bezahlung von Behinderten in den Werkstätten stark. Das Stück transportiert die Wut über Ungerechtigkeiten, und es ist wunderbar tröstlich: „Wär das Leben halb so schwer, wie wir es uns machen, wär es auch einfach nicht leicht.“ Und man kann Frust gut dazu wegtanzen: Honey, everybody, feel, dancing, yeah!

Station 17 spielt an diesem Sonntag um 20 Uhr im Kulturpalast Linden, Deisterstraße.

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