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Kultur überregional Die F- und A-Wörter des Hasspredigers
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20:07 26.03.2014
Besucht man eine Show mit Serdar Somuncu, sollte man sich warm anziehen. Quelle: dpa (Archiv)
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Hannover

Es ist bitter für die junge Frau im Rollstuhl. Die Juden waren schon dran, die Türken („der Prototyp des schlechten Ausländers und so was wie ein Ersatzjude“), die Inder („arrivierte Intellektuelle, die Ästhetik mit Geilheit verwechseln“) und auch Uli Hoeneß. Eine Dreiviertelstunde schon feuert Serdar Somuncu im ausverkauften Theater am Aegi in Hannover Verbalattacken ab und trifft alle und alles, was draußen den Schutz politischer Korrektheit genießt – „Zacki, Bumm, Peng“. Totale Intoleranz, flächendeckende Beleidigung – darum geht es Somuncu, der sich selbst „Hassprediger“ nennt.

„Gib mir endlich einen Behinderten-Witz“, flüstert die junge Frau im Rollstuhl. Sie wird erhört. Somuncu echauffiert sich über die „Mongos“, die bettelnd vor Supermärkten hocken. Vor allem die „rumänischen Spastis“ nerven ihn. „Wahrscheinlich“, vermutet er, „sind die alle gecastet – bei Bukarests Next Topmongo“. Die Frau im „Rolli“ lacht Tränen. „Außer ihm würde so was keiner aussprechen. Dabei tut es so gut, mal solche Witze zu hören“, sagt sie nach der Vorstellung sichtlich fröhlich und fügt Somuncus Leitspruch an: „Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung.“

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Und deshalb sind sie auch alle zu seiner „Hasspredigt“ gekommen: Die jungen Kopftuchträgerinnen ebenso wie die „Pippi Langstrumpfs im Vorruhestand“ mit ihren angegrauten Zöpfen. Die Bayern-Fans, die im Foyer „auf Uli“ trinken, und die Althippies, die mit dem Liegerad vorfahren. Somuncu schimpft ohne Pause zwei Stunden durch. Ohne Manuskript in der Hand. Wenn dann im Saal gerangelt wird, bringt ihn das aus der Ruhe und er schreit seine Fans direkt an. Denen macht die Sache dann erst richtig Spaß.

Somuncu, 1968 in Istanbul geboren und in Deutschland aufgewachsen, lebt vom Tabubruch. Bekannt wurde er mit Lesungen aus Hitlers „Mein Kampf“. Heute ätzt er, gespickt mit vielen F- und A-Wörtern, gegen eine moralisch aufgeladene Atmosphäre, in der seiner Ansicht nach alle nur zum Schein sozial und nett sind. Politisch korrekte Form lässt keinen Humor zu. Witze funktionieren nur, wenn einer das Opfer ist. Und je mehr dieses Opfer Klischees entspricht, umso lauter lachen die Leute.

Somuncu zielt genau darauf ab. Man könnte ihm vorwerfen, dass er mit seinem Minderheitenmobbing Stereotypen eher verfestigt. Doch am Ende werden bei Somuncu Klischees gerade dadurch gebrochen, dass sich auch die Betroffenen königlich amüsieren.

Nervig ist nur, dass der Kabarettist immer wieder volkshochschulmäßige Kommentare wie „wir müssen eine Gegenkraft zur Verblödungsindustrie bilden und uns ernsthaft fragen, ob wir diejenigen sind, für die wir uns halten“, einstreut. Es wirkt, als traue er seinem Publikum offenbar nicht zu, zwischen Spaß und Ernst zu unterscheiden. Und damit sich am Ende alle wieder lieb haben und auf dem Heimweg keine dreckigen Zoten reproduzieren, spielt der studierte Musiker als Rausschmeißer „Purple Rain“ von Prince am Keyboard.

Kerstin Hergt

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