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Kultur überregional „Das Fenster zum sozialen Aufstieg“
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12:45 12.06.2014
Eingeladen war auch der 40-fache Nationalspieler Marco Bode, dessen rhetorische Fähigkeiten seinem Torjägerinstinkt in nichts nachstehen. Quelle: dpa
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Hannover

Die Herrenhäuser Foren der Volkswagenstiftung sind nicht gerade als Inbegriff leichter abendlicher Unterhaltung bekannt. Anders war das nun beim Forum für Zeitgeschehen: Das Thema im Schloss Herrenhausen lautete aus gegebenem Anlass: „Fußballweltmeisterschaften: Sport – Mythos – Politik“. Konzipiert hatte die Veranstaltung Anorthe Kremers; sie hatte vier Herren eingeladen, von denen jeder auf höchst unterhaltsame Weise viel zum Thema Sport im Allgemeinen und Fußball im Besonderen beizusteuern hatte.

Kremers selbst las eingangs ein Kapitel aus dem Buch „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ von Friedrich Christian Delius – der legendäre Torjubel eines Herbert Zimmermann gelang ihr nur bedingt, aber ihre entspannte Leseart kam bei den knapp 200 Gästen gut an. Kremers machte zwei Sporthistorikern Platz: Kay Schiller und Stefan Rinke thematisierten in ihren Vorträgen das Phänomen Fußball.

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Als Schiller sich über die mediale Massenkultur ausließ („Sieg oder Niederlage bei großen Turnieren haben oft gesamtwirtschaftliche Auswirkungen.“) lag die Vermutung nahe, man würde die Faszination des Mannschaftssports auf hohem Niveau zerreden. Doch weit gefehlt, sowohl der Wissenschaftler der Durham Universität als auch sein Kollege Rinke gaben viele interessante – und amüsante – Einblicke in die Welt des Sports. Wie etwa Olympia und die Fußball-WM jahrzehntelang um die Finanzierung gerungen und konkurriert haben, oder wie aus „primitiven Proleten“ elegante Modeikonen wurden.

Fußball als positiver Exportartikel

Der Lateinamerika-Spezialist Rinke beantwortete auch die Frage, was den Fußball so attraktiv macht: Es seien seine Anspruchslosigkeit, die Körperbetontheit, das Auslösen von Emotionen und der Ritualcharakter. „Fußball ist positiver Exportartikel eines Landes, über das man sonst nur wegen seiner Katastrophen spricht“, sagte er über Brasilien, das gemeinhin als die Heimat des Sports gilt. Importiert aus England, sei „Football“ nicht nur zu „Futból“ geworden: Der Fußball sei in Lateinamerika heute noch „das Fenster zum sozialen Aufstieg“, sagte Rinke.

Eingeladen war auch der 40-fache Nationalspieler Marco Bode, dessen rhetorische Fähigkeiten seinem Torjägerinstinkt in nichts nachstehen. Er erzählte von der WM 2002 in Japan und Korea, als die Organisatoren „fehlendes Know-How durch überschäumende Euphorie“ wettmachten. Bernd Franke, ehemaliger Nationaltorhüter, berichtete von der WM 1982, bei der er nicht zum Einsatz kam. „Aber als Toni den Battiston gelegt hat, und Derwall gesagt hat, Junge, mach dich fertig, den Toni nehmen wir runter, da war ich kurz davor.“ Für die Nichtfußballfans: Der „Adler“, wie Frankes Spitzname lautete, bezog sich auf ein Foul des damaligen deutschen Stammkeepers Toni Schuhmacher, begangen am französischen Verteidiger Patrick Battiston, das Franke unter dem ehemaligen Bundestrainer Jupp Derwall fast den WM-Einsatz beschert hätte.

Das Foul ist Vergangenheit, viele der Geschichten, die die vier Herren zu erzählen hatten, sind es auch. Die WM in Brasilien und mit ihr die Faszination Fußball jedoch ist spätestens seit heute allgegenwärtig. Die aktuellen Unruhen in São Paolo und in Rio waren kein Thema bei der Veranstaltung, „darüber ist schon zu viel gesagt worden“, meinte Moderator Wilhelm Krull. Der Vorsitzende der Volkswagenstiftung hatte selbst sichtlich Spaß an der Veranstaltung und forderte, jetzt solle nur noch der Sport sprechen.

Eine Lehrstunde in Sachen Patriotismus gab es auch: Rinke berichtete von den Fans der bolivianischen Mannschaft, die bei jedem Spiel sängen „Lang lebe Bolivien und seine Küstenlinie“. Dass das Land seit 150 Jahren keinen Anschluss mehr ans Meer hat, ist an den Fußballfans vorbeigegangen.

Michael Krowas

12.06.2014
11.06.2014