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18:49 09.01.2015
Von Jutta Rinas
Der britische Schriftsteller Ian McEwan bei einer Lesung im Berliner Ensemble. Quelle: Bernd Von Jutrczenka
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Hannover

Es ist fast so, als wären wir selbst dabei: So genau sind die Szenen in Ian McEwans neuem, heute auf Deutsch erscheinendem Roman „Kindeswohl“ beschrieben. Wir sehen den an Leukämie erkrankten Teenager Adam fast schon vor uns, sein schmales, zierliches Gesicht mit den dunklen Augen und den Schatten darunter, als er die angesehene Familienrichterin Fiona Maye auf der Intensivstation eines renommierten Londoner Krankenhauses empfängt. Maye muss in einem von der Klinik angestrengten Eilverfahren darüber entscheiden, ob der noch nicht ganz volljährige Junge, ein Mitglied der Zeugen Jehovas, aus religiösen Gründen eine überlebensnotwendige Bluttransfusion ablehnen darf oder nicht.

In dem unbeheizten Probenraum unter Mark Berners Anwaltskanzlei, in dem lediglich ein paar viktorianische Rohrleitungen an der Wand ein wenig Wärme abstrahlen, können wir später - an einem frostigen Wintertag am Gray’s Inn Square - die Kälte fast schon fühlen, als Berner und seine Duopartnerin Maye für einen Auftritt vor Juristenkollegen Lieder von Berlioz und Mahler proben. Große Erzählkunst ist es auch, wie McEwan bei der Aufführung der beiden die Musik mit Worten zum Klingen bringt.

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Es zeichnete schon viele frühere Werke des heute 67-jährigen Großschriftstellers aus, dass er nicht in das Hirn seiner Helden hineinkriecht, um ihr Seelenleben zu erkunden, sondern sich mit der Beschreibung dessen begnügt, was ihnen widerfährt. Faszinierend ist, dass McEwan mithilfe dieses „Kleingedruckten der Subjektivität“ (so nennt er es selbst in einem Essay einmal) eine fast schon suggestive Nähe zu seinen Figuren herstellt, und das, obwohl er statt aus der Ichperspektive oft sogar in der dritten Person Singular erzählt.

Es wirkt wie ein ironischer Selbstkommentar, wenn Richterin Maye an einer Stelle in „Kindeswohl“ behauptet, es drohe sie zu erdrücken, dass „die Welt so voller Einzelheiten ist“. Denn genau diese von McEwan so genau beschriebenen Einzelheiten sind es, die den englischen Autor auch in „Kindeswohl“ zu einem großen Erzähler machen.

Ian McEwan schildert eine Episode im Leben von Familienrichterin Maye, in der - im Alter von immerhin fast 60 - von einem Moment auf den anderen zentrale Elemente ihres Lebens in Frage stehen. Ihr Mann Jack will nach Jahrzehnten harmonischen Zusammenlebens noch einmal die große sexuelle Ekstase erleben. Leider nicht mit ihr, sondern mit Statistikerin Melanie. Maye wirft den Professor für Alte Geschichte hinaus. Zeitgleich bekommt sie den medizin- ethisch komplexen Fall des leukämiekranken Adam Henry auf den Tisch. Sie entschließt sich, den Jungen im Krankenhaus zu besuchen, um sich über seine geistige Reife klar zu werden. Ist er - dem nur noch drei Monate zur Volljährigkeit fehlen - im Grunde schon erwachsen, sodass er laut Gesetz selbst darüber entscheiden darf, ob er eine lebensnotwendige Bluttransfusion zulässt oder nicht? Oder ist er noch ein Kind, das blind den religiösen Überzeugungen seiner Eltern folgt und vor ihnen geschützt werden muss? Die Begegnung der beiden hat nicht nur für Adam, sondern auch für Fiona tief greifende Folgen.

Essenziell für den Roman ist es zudem, dass McEwan mit immer neuen Wendungen aufwartet, immer neue Höhepunkte ansteuert und dadurch - trotz des so stark beschreibenden, manchmal fast elegisch wirkenden Charakters seiner Schilderungen - eine manchmal kaum noch zu ertragende Spannung aufbaut.

Zwei Fragestellungen, eine persönliche und eine ethische, leiten McEwan in „Kindeswohl“. Welchen Sinn hat Fionas Ehe, der ein wichtiges Fundament, die Sexualität, abhanden gekommen ist, noch? Und welchen Sinn hat ein von Religiosität geprägtes Leben, wenn man es zwar rettet, aber um den Preis des Verrats am Glauben? Auch eine solche Parallelführung eines individuellen und eines eher allgemeinen Themas ist typisch für den Schriftsteller. Am eindrucksvollsten gelungen ist sie ihm bislang wohl in dem verfilmten Weltbestseller „Abbitte“ (2001), der Geschichte der kleinen Briony, die mit einer Lüge die Existenz eines anderen Menschen zerstört.

Dieser fast 600 Seiten lange Roman umfasst viele Jahrzehnte im Leben seiner Helden. „Kindeswohl“ - allein vom Umfang her eher eine Novelle als ein Roman - ist dagegen kammerspielartig konzipiert. Ansonsten steht es dem wohl berühmtesten Werk Ian McEwans in nichts nach. Es ist wieder einmal ein kleines Meisterwerk.

Ian McEwan: „Kindeswohl“. Diogenes. 224 Seiten, 21,90 Euro.

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