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00:33 22.11.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Jochen Plogsties Interpretation von Rembrandts „Anatomie des Dr. Tulp“.
Jochen Plogsties Interpretation von Rembrandts „Anatomie des Dr. Tulp“. Quelle: Presse
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Hannover

Ja, sind wir denn im Louvre? Lächelt uns da nicht die Mona Lisa an? Sind wir im County Museum von Los Angeles vor Magrittes „Betrug der Bilder (Das ist keine Pfeife)“? Oder in Rom vor Chiricos „Melancholia“? Tatsächlich sind diese und viele andere Motive der Malerei jetzt in der Kestnergesellschaft zu sehen – doch nicht von der Hand dieser Klassiker, sondern von dem Leipziger Künstler Jochen Plogsties gemalt. Dessen ebenso spannenden wie provozierenden Arbeiten hat Veit Görner, der scheidende Direktor des Hauses, mit den nicht minder provokanten Skulpturen und Malereien des Österreichers Heimo Zobernig kombiniert – und wirft so gemeinsam mit den Künstlern die Frage auf, was wirklich Kunst und was nur virtuelle, bestenfalls künstlerische Realität ist.

Was geschieht zum Beispiel, wenn Jochen Plogsties sich so bekannte Vorlagen vornimmt – immerhin greift er auch Motive von Rembrandt und Vermeer, Dürer und Cranach, Beckmann und Picasso auf? Ist er damit ein bloßer Nachahmer, ein Kopist, ein Mann mit dem Potenzial zum Kunstfälscher? Bei der Ausstellungspräsentation pariert Plogsties solche Fragen elegant mit der Gegenfrage, wo denn wohl die Grenze zwischen „echter“ und „falscher“ Kunst liege. „Ich schaffe Reproduktionen“, sagt er. Die seien niemals identisch mit dem Original, und das interessiere ihn auch nur recht indirekt.

Für seine Bilder ist der 40-Jährige nicht nach Paris, Los Angeles oder Rom gereist, seine Vorlagen sind selbst schon Reproduktionen aus Kunstkatalogen oder Bildbänden, dieser Künstler kommt ohne ein kultisches Verhältnis zur Aura des Originals aus. Deren Verlust hat Walter Benjamin ja schon vor fast 80 Jahren in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ konstatiert. Plogsties schürt mit seiner Arbeit überdies Zweifel an der traditionellen Unterscheidung von Vor- und Abbild. „Ich kopiere keine Bilder, ich lote das Potenzial der Vorlagen aus und versuche es herauszukondensieren“, sagt Plogsties.

Doch nicht nur deshalb ist sein Bild mit dem sperrigen Titel „4_13 (Mona Lisa)“ deutlich anders als das Leonardo da Vincis – kleiner und von Schraffuren und dunklem Firnis abgeschattet, mit einem fleckigen Dekolleté und schrundigen Handrücken der lächelnden Schönen. „Da waren Flecken von einer Vorarbeit auf der Leinwand“, sagt Plogsties. „Auf die musste ich reagieren.“ Er erhebt sich also nicht zum neuen künstlerischen Subjekt, das anstelle von Leonardo da Vinci alle ästhetischen Entscheidungen autonom trifft. Der Träger des Kunstpreises der „Leipziger Volkszeitung“, der wie viele seiner Künstlerkollegen sein Atelier in der alten Leipziger Baumwollspinnerei hat, bietet in seinen Arbeiten intelligente Reflexionen über das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit. Und das nicht nur anhand von Motiven aus der Malerei, sondern auch mit der Reproduktion von Fotografien – etwa Carl Dransfelds Aufnahme des hannoverschen Anzeigerhochhauses von 1928 oder Cindy Shermans Frauenporträt „Untitled Filmstill“ von 1978.

Ein Stockwerk höher scheint Heimo Zobernig sozusagen noch eins draufzusetzen. Denn in der hohen Halle III ist auf den ersten Blick eine Möbelschau zu sehen – allerdings mit teils ungewöhnlich, teils einfach nur halbfertig scheinendem Mobiliar. So sehen eben Skulpturen des österreichischen Grenzgängers zwischen abstrakter und angewandter Kunst aus. Ein Tisch – Werktitel wie stets bei Zobernig: „ohne Titel“ – ist da nicht einfach ein Tisch, sondern ein Werk, das auf die Realität von Tischen in der Wirklichkeit verweist. Ein Infotresen aus Spanplatten („ohne Titel“) ist da ein Infotresen, aber einer, der bei der Documenta X. als solcher genutzt wurde. Ein Regal ist als sorgsam gestaltetes Unikat nach dem Vorbild von Ikeas „Billy“ gestaltet. Verkünstelt sich da ein verhinderter Tischler? Oder verfolgt Zobernig ausgerechnet in der der Avantgarde verpflichteten Kestnergesellschaft auf neue Weise das alte Avantgarde-Projekt, Kunst ins reale Leben zu überführen – indem er das Leben, die Realität von Ikea-Schränken, zur Kunst erklärt? „Die Avantgarde hat uns Nachgeborenen sehr viel aufgegeben“, sagt der 56-Jährige, der vielfach preisgekrönt ist und in Wien eine Professur für Bildhauerei ausübt. „So ein Regal ist schon ein Statement – aber wohl eher eines, das der utopischen Sehnsucht eine dystopische Antwort erteilt.“ Düstere Aussichten also. Dazu passt, dass er da stets mit Industriestandards hantiert – und etliche Skulpturen auch aus Klorollen montiert.

Kann die Kunst nur noch das konfektionierte Leben der Industrieprodukte imitieren – statt der Realität mit künstlerischen Visionen utopische Impulse zu versetzen? Der mit Zobernigs Skulpturen möblierte Saal ist nur eines der „Statements“, mit denen er, ähnlich wie Plogsties, Zweifel an der Souveränität des Künstlersubjekts nährt: Im Nachbarsaal sind Zobernigs abstrakte Gemälde zu sehen. Obwohl er dabei schematisch rechtwinklige Muster über weitgehend monochrome Flächen legt, die irgendwo zwischen Action Painting und gestischer Malerei entstanden zu sein scheinen, stilisiert er sich auch hier nicht zum Souverän des künstlerischen Prozesses. Klar, selbst die wilden Pinselstriche seien geplant, sagt er. „Aber man tritt mit seiner Arbeit in Beziehung – und so übt das Objekt Einfluss auf das künstlerische Subjekt aus.“

Selten hat es bei einer Ausstellungspräsentation der Kestnergesellschaft so viele Nachfragen und Einwände gegeben. Wollte Veit Görner seinem Publikum zum Abschied ordentlich was zu denken aufgeben? „Nach elf Jahren wäre es ja mal an der Zeit dazu“, sagt er lachend. Eines illustriert diese Ausstellung jedenfalls ausführlich: Im Zeitalter künstlerischer Reproduktion hat die Unterscheidung zwischen Original und Fälschung keinen rechten Sinn mehr – weil jede Wiederholung von Kunst ein ebenso echtes Kunstwerk sein kann. Freilich ohne den utopischen Überschuss, von dem die Avantgarde vor fast hundert Jahren träumte.

„Heimo Zobernig /  Jochen Plogsties“.
Bis 15. Februar 2015 in der Kestnergesellschaft, Goseriede 5, in Hannover.
Eröffnung am Donnerstag, 20. November, um 19 Uhr,
Künstlerdialog mit Jochen Plogsties am 15. Februar um 16 Uhr.

Martina Sulner 21.11.2014
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