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Kultur überregional Judith Kuckart spricht im Interview über ihren neuen Roman "Wünsche"
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11:00 10.04.2013
Von Martina Sulner
"Es geht nicht um Krisen in der Lebensmitte, sondern eher darum, dass manchmal Kleinigkeiten Lebensentwürfe entscheiden": Judith Kuckart über ihren neuen Roman "Wünsche". Quelle: Handout
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Hannover

Frau Kuckart, was bedeutet Ihnen London?

Es ist eine der wenigen Städte, in denen ich mir vorstellen könnte zu leben. Außerdem war es die erste Großstadt, die ich - als 15-Jährige - kennengelernt habe. An das unbekümmerte Vertrautheitsgefühl, das ich dort empfand, an das damalige Lebensgefühl kann ich mich noch gut erinnern.

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Vera, die Hauptfigur Ihres neuen Romans, setzt sich an ihrem 46. Geburtstag nach England ab. London als größtmöglicher Kontrast zum bisherigen Kleinstadtdasein?

Nein, das hätte auch eine Stadt in einem anderen Land sein können. Hier wirkt eher die Macht der Erinnerung: Vera war als Jugendliche mal in London; die Stadt ist ihr besonders präsent. Und jetzt hofft sie, dass es sich dort wieder anfühlt wie früher.

Mit Mitte 40 Mann, Sohn und Flachdachbungalow zu verlassen - das klingt nach typischer Midlife-Krise...

Ich weiß nicht, was eine typische Midlife-Krise ist. Klar, Veras Sohn ist erwachsen geworden, er verlässt das Elternhaus, und sie will ein eigenständigeres Leben. Aber dieser Wunsch nach Eigenständigkeit hätte auch zehn Jahre früher auftreten können - oder vielleicht zehn Jahre später. Es geht in meinem Roman nicht um Krisen in der Lebensmitte, sondern eher darum, dass jede der Figuren vielleicht eine ganz andere Biografie hätte haben können, dass manchmal Kleinigkeiten Lebensentwürfe entscheiden.

Den Hauptfiguren Ihres Romans schien ein vielversprechendes Leben bevorzustehen. Vera wurde als Jugendliche für den Film entdeckt, jetzt arbeitet sie als Berufsschullehrerin. Erzählen Sie die Geschichte einer Gescheiterten?

Nein, absolut nicht. Ich glaube, man kann als Lehrerin sehr viel zufriedener leben denn als Schauspielerin, die immer von einem Engagement aufs nächste warten muss. Vielleicht sollten Sie das Buch nicht so negativ interpretieren. Für Vera hat der Weggang von Zuhause zudem einen ganz praktischen Vorteil: Endlich kann sie in Ruhe älter werden - ohne ihren Ehemann, für den sie immer eine schöne, junge Frau sein sollte.

Verglichen mit den ruhelosen Mittvierzigern wirkt Veras Sohn mit seinen 20 Jahren geradezu gelassen. Ist die Generation der um die 50-Jährigen nicht wirklich erwachsen geworden?

Mit 20 ist manches vielleicht leichter als mit Mitte 40. Der Sohn hat ein Ziel: Er will zur See fahren und macht das auch. In gewisser Hinsicht ist er noch unschuldig, weil er nicht weiß, was einem im Leben alles in die Quere kommen kann. Tatsächlich kenne ich eine ganze Reihe junger Männer, die entschlussfreudiger sind, als ihre Eltern es je waren, die eher mit Entscheidungen gehadert haben. Aber ich habe ganz bestimmt nicht das Porträt einer Generation geschrieben.

Unter den älteren Figuren sticht Friedrich Wünsche hervor, der früher ein erfolgreicher Manager war und jetzt das Kaufhaus seiner Eltern übernimmt. Immerhin er wirkt ziemlich glücklich.

Na ja, Glück gibt es ja immer nur für Momente; ich würde ihn eher als gelassen und zugleich risikofreudig beschreiben. Seine Ehe ist zwar auseinandergegangen, aber nachdem er nicht mehr seiner beruflichen Karriere hinterherhechelt, hat er eine Klarheit in seinem Leben gefunden.

Vera, Friedrich und seine Schwester Meret kennen sich aus der Schule. Als sie sich nach Jahrzehnten wiedersehen, sind sie sofort wieder ganz vertraut. Gibt es so etwas nur mit Menschen, mit denen man aufgewachsen ist?

Ich glaube schon. Solch eine sprachlose Intensität, wie man sie als Kind und Jugendlicher mit Freunden erlebt hat, findet man später in Freundschaften kaum noch, höchstens in Liebesbeziehungen. Wenn man solche Nähe beim Wiedertreffen mit Freunden erlebt, ist das ein ganz großes Glück.

Nach vielen Jahren trudeln Ihre Romanfiguren wieder in der kleinen Heimatstadt ein. „Ist Heimat eigentlich dort, wo man herkommt, oder dort, wo man hinwill?“, schrieben Sie. Und?

Ich sitze jetzt gerade im Zug nach Schwelm, die Stadt, aus der ich komme. Ich lebe in Berlin, die Stadt, wo ich immer hinwollte. Ich kenne die Sehnsucht nach dem kleinen Leben, aber auch nach den großen Dingen. Bei wichtigen Gefühlen, auch beim Heimatgefühl, verspürt man solche Zerrissenheit immer.

Interview: Martina Sulner