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Kultur überregional Konzert im Wohnzimmer: Tag der Hausmusik
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00:18 21.11.2014
Die Netzwerkinitiative „Musikland Niedersachsen“ will mit ihrem Projekt „Heimvorteil“ Musik in niedersächsische Wohnzimmer bringen.
Die Netzwerkinitiative „Musikland Niedersachsen“ will mit ihrem Projekt „Heimvorteil“ Musik in niedersächsische Wohnzimmer bringen. Quelle: Imago
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Frau Eberle, die Netzwerkinitiative „Musikland Niedersachsen“ veranstaltet am 22. November einen Tag der Hausmusik. Ist die Hausmusik so in Vergessenheit geraten, dass man mit einem Tag an sie erinnern muss?
Den Tag der Hausmusik haben wir nicht initiiert. Es gibt ihn schon seit 83 Jahren. Der Deutsche Musikverlegerverband hat öfter dazu aufgerufen, aber er geht eigentlich auf den Gedenktag der heiligen Cäcilie, der Patronin der Kirchenmusik, zurück. Er wird jedes Jahr bundesweit an einzelnen Orten zelebriert: von Leuten, die einen privaten Raum zur Verfügung stellen – und Leuten, die spielen. Aber es stimmt schon, der Bekanntheitsgrad des Tages der Hausmusik ist vergleichbar mit dem Tag des Deutschen Butterbrotes. Außer Experten kennt ihn kaum jemand. Das wollten wir ändern.

Der Vorsatz Ihrer Kampagne „Heimvorteil“ war es, in ganz Niedersachsen Musik in die Wohnzimmer der Menschen zu bringen. Wie viele Wohnzimmerkonzerte sind zustande gekommen?
Bislang sind es 65 Konzerte. Das ist fürs erste Mal eine gute Zahl. Und es ist ja noch nicht Sonnabend. Es können immer noch Konzerte dazukommen.
Selbst für so ein privates Hausmusik-Konzert muss man in Deutschland bürokratische Hürden überwinden. Sie bieten auf Ihrer Website für die Gastgeber Hilfe beim Umgang mit der Gema, der Gesellschaft für musikalische Aufführungsrechte, an ...
Wenn man ein rein privates Konzert gibt und alle Zuhörer kennt, wird keine Gema-Gebühr fällig. Ansonsten gilt: Wenn der Komponist eines Werkes noch nicht 70 Jahre tot ist, werden für die Aufführung seiner Stücke Gema-Gebühren fällig. Wir wollten nicht, dass dadurch die Schwelle für ein Hausmusikkonzert zu hoch wird. Deshalb bieten wir an, die Gebühren zu übernehmen.

Zur Person

Ulrike Eberle, Mitorganisatorin der Kampagne „Heimvorteil“, studierte Musiktheaterwissenschaft an der Uni Bayreuth, sowie „Medien und Musik“ an der Musikhochschule Hannover und an der Université Stendhal im französischen Grenoble. Seit 2013 ist sie bei Musikland Niedersachsen.

Wie haben Sie für den Tag der Hausmusik geworben?
Wir sind mit einer mobilen Wohnzimmerbühne über die Lande gezogen ...

Was ist das?
Das ist ein alter Wohnwagen mit einer Bühne vornedran, ausgestattet mit altem Plüschsessel, Tisch ... Wie bei Oma in der guten Stube eben. Damit sind wir durch die Fußgängerzonen gezogen, haben Flyer verteilt, regionale Musiker sind dort aufgetreten – und wir haben an jedem Ort auch einen Künstler für einen Gastgeber verlost. 

Wie funktionierte das genau?
Ganz einfach: Man konnte sich als Gastgeber mit seinem Wohnzimmer für ein Konzert anbieten, und wenn man Glück hatte und gewann, zog man mit einem Künstler für den Abend vondannen.

Was für Leute haben den Zuschlag bekommen?
Ganz unterschiedlich. In Aurich war es ein gutbürgerlicher Familienvater, der rief danach gleich per Handy seine Frau an, sie müsse ein bisschen mehr einkaufen. Es komme Besuch. In Meppen hat ein Ärzteehepaar den Zuschlag bekommen, andernorts eine Studenten-WG.

Die Idee der Hausmusik, des Musizierens in privaten Räumen, war im 19. Jahrhundert eng mit der Idee eines Bildungsbürgertums verknüpft. Spielte der Bildungsaspekt bei Ihrer Kampagne eine Rolle?
Ja. Aber wir wollten den Tag der Hausmusik für alle Schichten und alle Nationalitäten öffnen. Hausmusik heißt heute eben nicht mehr nur, dass ein Streichquartett sich für Hauskonzerte mit Werken von Haydn und Beethoven trifft. Und Bildungsgut erwirbt man heute nicht mehr nur, indem man klassische Musik aufführt. Man bildet sich, wenn man selbst Musik macht: Klassik, Pop, Rock, Punk, internationale Folklore. 

Verpasst man der Hausmusik damit nicht ein Image, das sie in der Realität gar nicht einlösen kann?
Nein, im Gegenteil: Musikbegeisterte Jugendliche, Solisten, Duos, Bands, die unverstärkt spielen, suchen heute schon über Internetplattformen wie Sofaconcerts.org Möglichkeiten, spontan bei jemandem zu Hause zu spielen. Das ist ein aktueller, sehr erfolgreicher Trend der Hausmusik, den es vor allem in der Singer-Songwriter-Szene gibt.

Tag der Haumusik

Ursprünglich war der 22. November Gedenk- und Namenstag der heiligen Cäcilia von Rom, Patronin der Kirchenmusik. Seit 1932 findet an diesem Tag in Deutschland der Tag der Hausmusik statt. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde noch regelmäßig zu Hause musiziert. Diese Tradition rückte durch die Verbreitung von Musikanlagen merklich in den Hintergrund.
Der Tag der Hausmusik dient vor allem  dazu, das familiäre und nachbarschaftliche Musizieren wiederzubeleben. Dabei soll Musikern auch die Möglichkeit gegeben werden, in kleinem Rahmen aufzutreten. Wer am Tag der niedersächsischen Hausmusik ein Konzert besuchen will, findet alle wichtigen Informationen unter dem Link: http://map.heimvorteil-niedersachsen.de.
Wer spontan selbst sein Wohnzimmer für ein Hauskonzert zur Verfügung stellen möchte und dafür Musiker sucht, kann sich auf der Website vom „Musikland Niedersachsen“ umsehen. Über: http://boerse.heimvorteil-niedersachsen.de/ findet man Musiker, die gerne auftreten wollen.

phi

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