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00:15 09.03.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
In der Ukraine und in Moskau schlägt nun die Stunde der Diplomaten. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Hannover

In der Ukraine, sagt man, schlägt nun die Stunde der Diplomatie. Ist es nicht eigentlich immer zu spät, wenn man sagt, die Stunde der Diplomatie schlägt?

Ja, wenn dieser Satz fällt, dann ist es in der Regel zu spät. Allerdings ist es für die Diplomatie selbstverständlich nie zu spät. Wenn Diplomatie gefragt ist, erwägt man verschiedene Handlungsoptionen, und die Diplomatie ist eine davon. Insofern schlägt natürlich immer die Stunde der Diplomatie.

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Jetzt richtet sich das Augenmerk auf die Diplomaten, die im Streit mit Russland eine Einigung finden sollen. Ist es für Diplomaten nicht eher belastend, so im Licht der Öffentlichkeit tätig zu sein?

Zur Person:

Frank Naumann, geboren 1956 in Leipzig, ist Autor des Buches „Die Kunst der Diplomatie. Zwanzig Gesetze für sanfte Sieger“, das im Rowohlt Verlag erschienen ist.  Naumann studierte Philosophie, Psychologie und Biologie an der Humboldt-Universität in Berlin. 1984 Dissertation, 1989 Habilitation zu philosophischen Themen der Naturwissenschaften. Von 1989 bis 1998 arbeitete er als Kommunikationspsychologe an der Humboldt-Universität. Seitdem ist er freier Autor.

In der Regel schadet zu viel Öffentlichkeit der Diplomatie. Öffentliche Aufmerksamkeit ist problematisch, wenn Diplomaten zu bestimmten Verhalten gedrängt werden. Aus der Öffentlichkeit werden bestimmte Vorlieben an die Diplomaten herangetragen – wie etwa den Druck zu verstärken. Das aber beschneidet Handlungsoptionen. Allerdings gibt es auch Ausnahmen: Kardinal Richelieu und Talleyrand etwa haben es in bestimmten Situationen durchaus verstanden, unter dem öffentlichen Blick geschickt zu lavieren.

Der Name Talleyrand fällt oft, wenn von der Kunst der Diplomatie die Rede ist. Ist denn Diplomatie heute immer noch Kunst? Oder eher Handwerk?

In den Zeiten von Talleyrand war der Kunstaspekt der Diplomatie sicher von größerer Bedeutung. Heute ist die Diplomatie eher verwissenschaftlicht. Die internationale Diplomatie ist gegenwärtig stark durch Verträge reglementiert. Früher war der Spielraum sicher größer. Und das persönliche Können eines Diplomaten spielte eine größere Rolle als heute.

Verwissenschaftlichung der Diplomatie kann aber auch bedeuten, dass den Diplomaten neue Instrumente in die Hand gegeben werden. Kann ein Diplomat heute mehr als ein Talleyrand zu Zeiten des Wiener Kongresses?

Nicht unbedingt. Verwissenschaftlichung heißt, dass ein Gerüst vorgegeben ist. Das erleichtert vor allem den Diplomaten, die die Diplomatie nicht als Kunst beherrschen, das Geschäft. In früheren Zeiten konnten diejenigen, die die Kunst der Diplomatie beherrschten, stärker damit agieren. Und wer nicht so gut war, ist eben grandios gescheitert. Verwissenschaftlichung der Diplomatie bedeutet, dass es mehr gesetzliche Regelungen gibt, insofern kann ein Einzelner heute auch nicht so viel Schaden anrichten.

Haben Diplomaten heute Strategien zur Verfügung, die ihre Vorgänger nicht kannten?

Das Wissen steht heute ja allen zur Verfügung. Das Besondere an den großen Diplomaten der Vergangenheit ist, dass es einzelne Talente gab, die es konnten. Aber das waren nur wenige.

Was ist das Wichtigste, das ein Diplomat können muss?

Das Wichtigste sind Kontakte. Ein versierter Diplomat verschafft sich viele Kontakte – gerade auch auf der Gegenseite. Das ist das Allerwichtigste. Das heißt, dass der Diplomat auch dann noch seine Kanäle hat, wenn die Fronten verhärtet und alle Kontakte abgebrochen sind. Wenn er das nicht hätte, könnte er nichts tun. Danach erst folgt kommunikatives Geschick, Kenntnis der Regeln und – auch nicht unwichtig – Erfahrung.

Was ist mit Täuschen und Taktieren? Sind das auch wichtige Qualifikationen?

Das ist in der Diplomatie wie im normalen Leben: Wenn Sie darin sehr gut sind, können Sie damit kurzfristige Erfolge erzielen. Aber langfristig wird sich das in der Regel nicht auszahlen. Außerdem ist es in der verwissenschaftlichten Diplomatie auch so, dass die Regeln des Tricksens und Täuschens allgemein bekannt sind. Deswegen ist man immer wieder überrascht, wenn das trotzdem mal wieder funktioniert.

Es heißt, dass Diplomatie die Konfrontation vermeidet. Gilt das immer noch?

Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen in der Geschichte der Diplomatie, in denen man auf Konfrontation gesetzt hat und damit durchgekommen ist. Das ist zwar vorgekommen, aber es ist riskant. In der Regel ist ein solches Vorgehen nicht anzuraten.

Was ist mit dem diplomatischen Talent? Es gab Zeiten, in denen das ganz besonders hohes Ansehen genoss. Gilt das heute auch noch?

Ja, das gilt noch. Aber die Möglichkeiten, diplomatisches Talent in großem Umfang zu entfalten, sind heute eher beschnitten. Diplomaten sind durch Regelwerke und durch Kontrolle ihrer Regierungen viel stärker eingeschränkt als das früher der Fall war. Auch haben sie oft nicht sehr viel zu sagen. Talleyrand konnte als Außenminister auf dem Wiener Kongress die Nationen geschickt gegeneinander ausspielen. Diese Möglichkeiten hat man heute natürlich nicht mehr. Diplomaten müssen sich heute viel stärker bei ihren Regierungen rückversichern. Daher ist das alles ein bisschen eingeschränkt. Diplomatisches Geschick allerdings ist überall dort, wo verhandelt wird, immer noch eine gefragte Kunst.

Die Diplomatie scheint wie kaum ein anderer Beruf die Tradition hochzuhalten. Warum eigentlich?

Die Traditionsorientierung entspricht dem ersten Eindruck. Man denkt an Frankreich, an den Adel und an Benimmregeln. Und es stimmt auch: Das Verhaltensgerüst von Diplomaten hat viel Traditionelles. Aber davon darf man sich nicht täuschen lassen. Das ist nur die Oberfläche. Dahinter geht es sehr modern zu.

In der Auseinandersetzung um die Ukraine haben Diplomaten jetzt sehr viel zu tun. Was sind die größten Fehler, die gemacht werden können?

Die Situation dort ist sehr kompliziert. Um die Krim sind im 19. Jahrhundert schon Kriege geführt worden. Da spielen so viele unterschiedliche Faktoren eine Rolle. Putin und seine Berater gehen sehr geschickt vor. Allerdings ist das Vorgehen, sich Territorien unter den Nagel zu reißen, sehr veraltet. Jeder weiß doch, dass solche Besitztümer eher eine Last sind. Natürlich wäre es vernünftig gewesen, an den Zustand der Krim nicht zu rühren. Aber das haben alle Beteiligten leider nicht getan.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

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