Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Kultur überregional „White House Down“ – mal wieder
Nachrichten Kultur Kultur überregional „White House Down“ – mal wieder
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
01:59 06.09.2013
Von Stefan Stosch
Vielbeschäftigter Mann: Jamie Foxx (Mitte) als US-Präsident. Quelle: Sony Pictures
Anzeige
Berlin

Roland Emmerich war gar nicht der Erste, der das Weiße Haus zerlegt hat. Die Briten haben es schon vor ihm getan. Beim großen Brand von Washington 1814 besetzten sie die Hauptstadt und rächten sich für die Plünderung von York, dem heutigen Toronto, durch die amerikanischen Truppen. Ein eindrucksvolles Gemälde des Brandes hängt im Weißen Haus, wenn stimmt, was Emmerich in seinem neuen Film zeigt, der am Donnerstag anläuft. Hoch schlagen die Flammen auf dem Bild aus den Fensteröffnungen.

Anzeige

Das Gemälde scheint so etwas wie eine Inspirationsquelle für den Hollywood-Regisseur aus dem deutschen Sindelfingen zu sein. Immer wieder mal macht er das Weiße Haus kinogerecht platt - auch wenn er zuletzt in „Anonymus“ einen kleinen Ausflug zu William Shakespeare nach England unternommen hat. In „Independence Day“ (1996) waren es Aliens, die das Gebäude attackierten, im Endzeitfilm „2012“ (2009) wischte ein Flugzeugträger auf einer Tsunamiwelle es mal eben so weg. Und nun stürmen Terroristen in „White House Down“ das US-Machtzentrum in einer generalstabsmäßigen Aktion. Sie wollen den Präsidenten in ihre Gewalt bringen.

Wer hinter der Tat steckt, darüber rätselt die restliche US-Führungsmannschaft um Ober-Secret-Service-Frau Maggie Gyllenhaal erstaunlicherweise beinahe den ganzen Film, und der ist 137 Minuten lang. Besonders helle ist das nicht.

Wer den Präsidenten (toller Aufstieg: Jamie Foxx, kürzlich noch Quentin Tarantinos befreiter Sklave in „Django Unchained“) eingangs für seine Abrüstungspläne in Nahost hat werben hören, ahnt, dass hier mal nicht Al-Qaida für alles Böse zuständig ist. Der Regierungschef, der Geld in Gesundheit und Infrastruktur, aber nicht in milliardenschweres Kriegsgerät stecken will, hat sich mächtige Feinde im eigenen Land gemacht.

Überhaupt ist der Regierungschef eine so weitsichtige Führungskraft, wie man sich wünscht, dass Barack Obama es sein möge. Emmerich lässt seinen idealistischen Präsidenten schon mal mit dem Hubschrauber eine Ehrenrunde im Tiefflug über die National Mall zu US-Gründervater Abraham Lincoln drehen, um Maß für seine eigenen Taten zu nehmen.

So ein Staatenlenker trotzt auch dann noch dem militärisch-industriellen Komplex, wenn dessen Chargen ihm eine Waffe an den Kopf halten. Die ordentlich ausgewalzte Verschwörungstheorie kommt ziemlich naiv daher, und doch ist sie weitaus cleverer als das Feindbild in dem erstaunlicherweise ganz ähnlich gelagerte Actionkracher „Olympus Has Fallen“, der erst im Juni in unsere Kinos kam: Da mussten Steinzeit-Nordkoreaner als Schreckgespenst herhalten. Es gibt nicht mehr so viele Staaten, die im Zeitalter weltweiter Kinovermarktung ungestraft als Feindbild dienen können.

Wieso aber laufen innerhalb kürzester Zeit zwei Filme an, in denen der US-Präsident als Ziel von Terroristen herhalten muss? Es heißt, dass Filme manchmal klüger seien als ihre Macher. Wie viel geheime Angst um den obersten Staatsmann steckt da in den Köpfen?

Wie bei dem Vorgängerfilm auch vermasselt ein Secret-Service-Agent den Verbrechern die Tour. Im Juni musste Gerard Butler ran, nun übernimmt Channing Tatum als Agent John Cale. Der ist gerade auf Suche nach einem neuen Job als Präsidentenbeschützer und mit seiner Tochter auf Touristenführung im Weißen Haus, als die Terroristen losschlagen. Cale gelingt es, mit dem Präsidenten zu fliehen. Aber die beiden stecken im Gebäude fest, und da ist auch noch Cales medienaffine Tochter Emily (Joey King), die gerettet werden muss.

Der Film erinnert an eine modifizierte Mischung aus „Air Force One“ und der „Stirb Langsam“-Reihe. Es gibt sogar direkte Verweise: In den wenigen Szenen, in denen der Regisseur das (in Kanada nachgebaute) Weiße Haus verlässt, lässt er in Nullkommafastnix die Präsidentenmaschine vom Himmel schießen. Cale darf seinen Bewerbungsanzug gegen ein nicht mehr ganz so weißes Unterhemd austauschen - die Dienstkleidung von John McClane alias Bruce Willis.

Roland Emmerich hat ein gutes Gespür fürs Timing und dreht die Story im richtigen Moment immer noch eine Wendung weiter. Wann hat man schon mal ein Rennen schwer gepanzerter Limousinen rund um den Springbrunnen im Präsidentengarten gesehen, wo im wahren Leben Michelle Obama ihr Gemüse hochzieht?

Allzu patriotische Höhenflüge bricht Emmerich mit Humor. Zudem wird endlich enthüllt, dass ein Marilyn-Monroe-Gedächtnistunnel tatsächlich existiert, durch den die Hollywood-Schöne John F. Kennedy zugeführt wurde. Gelungen auch der Gag des Touristenführers, der bei seinem Rundgang mal eben auf die Zerstörung des Weißen Hauses in „Independence Day“ verweist. Der Mann kann ja nicht wissen, dass er selbst in einem Emmerich-Film mitspielt – und die Attacke aufs Allerheiligste noch detailverliebter ausfällt als bei Emmerichs bisherigen Zerstörungsorgien.

Mehr zum Thema
Kultur „Olympus Has Fallen“ - Patriotische Action im Weißen Haus

Terroristen nehmen das Weiße Haus ein. Ein Ex-Secret-Service-Agent, gespielt von Gerard Butler, will als Einzelkämpfer den gekidnappten Präsidenten retten. Mit brutaler Action und Patriotismus schlägt Regisseur Antoine Fuqua in „Olympus Has Fallen“ zu. Der Film läuft seit dem 13. Juni im Kino.

14.06.2013
Kultur Roland Emmerich im Interview - „Obama hat sich ein Ei ins Nest gelegt“

Ein gebürtiger Schwabe zerdeppert das Allerheiligste der USA – nicht zum ersten Mal: Regisseur Roland Emmerich spricht im HAZ-Interview über seinen neuen Film „White House Down“, seinen Lieblingspräsidenten und die Entführung von Angela Merkel.

Stefan Stosch 06.09.2013

Wilder Ritt durch den Spaghetti-Western: Quentin Tarantino setzt in „Django Unchained“ auf zwei glorreiche Halunken – Christoph Waltz und Jamie Foxx. Der Film ist am 17. Januar im Kino gestartet.

Stefan Stosch 19.01.2013
Uwe Janssen 05.09.2013
Kultur überregional Tanztheater International - Das Dunkel der Liebe
Martina Sulner 04.09.2013
Johanna Di Blasi 07.09.2013