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Kultur überregional Protest gegen die halbierte Kunst
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19:02 25.03.2015
Demonstrativ entrüstet: Schüler des Fachs Darstellendes Spiel der IGS Roderbruch bei einer Protestperformance vor dem Wilhelm-Busch-Museum.
Demonstrativ entrüstet: Schüler des Fachs Darstellendes Spiel der IGS Roderbruch bei einer Protestperformance vor dem Wilhelm-Busch-Museum. Quelle: Alexander Körner
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Hannover

„Die SPD hat im Regierungsprogramm 2012 ausdrücklich erklärt, dass sie ,den Musik- und Kunstunterricht stärken‘ wolle - das war gut“, sagt Kunstprofessor Siegfried Neuenhausen. „Doch nun droht die Landesregierung das Gegenteil zu tun - das ist das Gegenteil von gut.“

Neuenhausen ist Erstunterzeichner eines Appells zur Rücknahme der Kürzungspläne, der als offener Brief an Ministerpräsident Stephan Weil und die für Schule, Kultur und Wissenschaft zuständigen Ministerinnen Frauke Heiligenstadt und Gabriele Heinen-Kljajic gerichtet ist. Der Brief wurde gestern im Wilhelm-Busch-Museum präsentiert - und dabei haben Lehrer und Schüler mit einer Tanz- und Musikperformance gleich demonstriert, welche Potenziale die musischen Fächer fördern. „Wir wollen an Kunst heranführen“, sagte dort Museumschefin Gisela Vetter-Liebenow, „und wir merken bei jugendlichen Besuchern genau, ob die Schulen dafür die notwendige Basis geschaffen haben.“

Unterzeichnet haben den Appell Kunstexperten wie Christina Végh, die neue Direktorin der Kestnergesellschaft, und viele weitere Spitzen niedersächsischer Ausstellungshäuser - von der Kunsthalle Emden über den Kunstverein Hannover, das Wilhelm-Busch- und das Sprengel-Museum sowie das Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim bis zu Ralf Beil, dem neuen Chef des Kunstmuseums Wolfsburg. Auch Schauspielintendant Lars-Ole Walburg, Schauspieler wie Maria Schrader und Katja Riemann, Künstler wie Rudolf Schenker, Klaus Staeck und Timm Ulrichs sowie Intellektuelle wie Günter Grass und Oskar Negt kritisieren die Pläne. Insgesamt haben 83 Prominente den Brief unterschrieben, eine Onlinepetition zum selben Thema hat mehr als 11.000 Unterstützer.

Nach dem Entwurf der Verordnung zur Gymnasialen Oberstufe, der der HAZ vorliegt, sind künftig in Klasse 11 für die Fächer Kunst, Musik und Darstellendes Spiel statt bisher vier nur noch zwei Wochenstunden vorgesehen. Zudem soll in den Klassen 5 bis 10 in Musik und Kunst jedes Jahr je eine Stunde entfallen.

Dies erschwert nach Auffassung der Unterzeichner die Wahl eines musischen Profils zum Abitur und damit auch die Nachwuchsrekrutierung. „Seit an der HBK Braunschweig die Kunstlehrerausbildung eingestellt wurde, wird Kunst noch mehr zum Mangelfach“, sagt Daniel Simons, Kunstlehrer an der IGS Roderbruch. Musik ist seit vielen Jahren ebenfalls ein Mangelfach, weshalb auch Susanne Rode-Breymann und Thomas Gosse, die Präsidenten der Musikhochschulen Hannover und Detmold, den Protest mittragen.

Die Streichungen in Klasse 11 gehen mit einer Aufstockung bei Politik-Wirtschaft, Informatik und teils bei Fremdsprachen einher. Siegfried Neuenhausen, der vor seiner Professur in Braunschweig Kunstlehrer in Hannover war, erblickt darin eine gefährliche Geringschätzung des Musisch-Künstlerischen. „Gerade musische Fächer erlauben ganzheitliches Lernen, das Spielraum für Kreativität und Persönlichkeitsentwicklung schafft, die künftig immer wichtiger werden.“

Kultusministerin Heiligenstadt, die noch im Dezember Kürzungsbefürchtungen mit dem Satz „Kein Fach verliert eine Stunde“ zurückgewiesen hatte, ließ auch gestern die Kritik zurückweisen: Die drei Fächer würden wie bisher mit insgesamt 21 Stunden unterrichtet. Allerdings werden diese Stunden nach der Abkehr vom Abitur nach acht Jahren (G 8) statt auf sechs nun auf sieben Jahrgänge verteilt. Das solle den Stress beenden, der mit dem G 8 einherging, erklärte eine Sprecherin. Kritiker stufen diese kostenneutrale Rückkehr zum G 9 als „durchsichtigen Rechentrick“ ein und nennen es „lächerlich“, dass G-8-Stress ausgerechnet von den musischen Fächern ausgegangen sein soll.

Wissenschaftsministerin Heinen-Kljajic erklärte auf Anfrage, sie erwarte, dass Kunst und Musik in der Schule „genügend Raum“ finden werden. Außerdem sagte sie zu, die Zugangsvoraussetzungen zum Kunst- und Musikstudium für Lehrer „auf den Prüfstand“ zu stellen.

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