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Kultur überregional Levit spielt gegen den Strich – und begeistert
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00:15 07.06.2015
Von Jutta Rinas
Querdenker: Igor Levit.
Querdenker: Igor Levit. Quelle: Helge Krückeberg
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Hannover

Diese Akkorde klingen wie Schläge. „Fortissimo“ (sehr laut) hat Beethoven über die beiden Dreiklänge zu Beginn der Presto-Coda im dritten Satz seiner Klaviersonate Nr. 23 in f-Moll op. 57 geschrieben. Einen ganzen Takt sind sie jeweils lang. In einem Satz, in dem einem zuvor Takt um Takt rasend schnell gespielte Sechzehntelnoten um die Ohren geflogen sind, ist das eine halbe Ewigkeit. Plötzlich entsteht beim Auftritt von Igor Levit bei den Kunstfestspielen ein Moment des Innehaltens, einer, in dem komprimiert, verdichtet - wie im Nachhall eines markerschütternden Schreis - all das nachklingen kann, was bei diesem spektakulären Klavierabend bereits an einem vorübergezogen ist.

Ein Rebell sondergleichen

Musikalische Querdenker, Revolutionäre der Klaviergeschichte, hat Levit - dem Festspielmotto „Gegen den Strich“ entsprechend - zusammengestellt. Die „Thälmann Variations“ von Cornelius Cardew etwa spielt er, ein Stück des ehemaligen Assistenten von Karlheinz Stockhausen, der später zum Maoisten wurde und seinen ehemaligen Chef einen „Imperialismus-Knecht“ schimpfte. Die „Ballad Nr. 5“ von Frederic Rzewski hat Levit im Programm, ein Werk jenes amerikanischen Komponisten (und zugleich ausgezeichneten Klavierspielers) also, dessen Notentexte oft als schier unspielbar gelten und die allein wegen des manchmal so martialischen Umgangs von Rzewski mit dem Instrument so radikal, so verstörend wirken.

Der größte Rebell an diesem Abend ist allerdings wohl Igor Levit selbst. Pablo Picassos berühmtes Zitat, dass ein Künstler, der mit geistigen Werten umgeht, sich in Zeiten, in denen die Werte der Zivilisation auf dem Spiel stehen, nicht gleichgültig verhalten kann, stellt er dem Konzert voran. Was folgt ist eine pianistische Tour de Force, eine, die nicht die politischen Aussagen der Stücke ins Zentrum stellt. Es ist die radikale Suche nach Ausdruck, nach Intensität, die all diesen Werken gemeinsam ist - und die Igor Levit offenbar vor allem anderen reizt. Es ist zutiefst beeindruckend, wie stark er die Kompositionen geistig durchdringt, wie er disparateste Elemente hörbar macht und sich nicht in ihnen verliert, sondern sie zu großen musikalischen Gedanken verbindet.

Selbstverständliche Radikalität

In Cardews „Thälmann Variations“ beispielsweise ist es das berühmte Arbeiterlied „Arbeiter, Bauern, nehmt die Gewehre“, das Levit so wunderbar natürlich aufscheinen lässt und in seinen Verästelungen verfolgt. Rzewski bezieht Schläge auf den Klavierkorpus oder das Rasseln mit einer Eisenkette ein: radikale spieltechnische Elemente, die bei Levit völlig selbstverständlich wirken. So als seien es die einzig möglichen Konsequenzen aus den Gedanken im Notentext.

Lediglich Franz Liszts „Lyon“ aus dem „Album d’un voyageur“ hätte man sich klanglich kultivierter gewünscht. Die extreme Ausdruckssuche droht hier zur Attitüde zu werden.

Sensationell ist es aber, wie Levit all das zum Klingen bringt, was die „Appassionata“ zu einem revolutionären Stück Musik macht: die Leidenschaft, die Beethoven in diese Sonate hineingelegt hat, die Radikalität, mit der er mit Konventionen bricht. Levit hat in Hannover eine große Fangemeinde. Bis kurz vor der Bühne stehen in der ausverkauften Orangerie Stühle mit Zuhörern. Sie feiern Levit begeistert.

Am Freitag bei den Kunstfestspielen: „Salto Vocale“, ein Konzert in zwei Teilen. Beginn 17 und 19 Uhr. Weitere Informationen zu den Kunstfestspielen in Herrenhausen unter kunstfestspiele.hannover.de

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