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Kultur überregional Eine Spur aus Hannover
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08:25 08.11.2013
Von Johanna Di Blasi
Adolf Hitler durchmustert 1938 beschlagnahmte Werke. Viele davon hat Hildebrandt Gurlitt gekauft. Quelle: dpa
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Hannover

Nach Museen in Essen, Wuppertal, Dresden und Köln meldet nun auch Niedersachsens Landesmuseum ausdrückliches Interesse an, Einblick in den mysteriösen Münchener Kunstfund zu erhalten: Das frühere Provinzial-Museum in Hannover war von den NS-Museumssäuberungen überproportional betroffen. Bei insgesamt drei Beschlagnahmeaktionen im Sommer 1937 wurden rund 280 Kunstwerke – Gemälde, Skulpturen und Grafiken – als sogenannte „entartete Kunst“ aussortiert und aus Hannover abtransportiert.

„Wir vermuten, dass mehrere Bilder aus dem ehemaligen Provinzial-Museum Hannover sich heute im Besitz von Herrn Gurlitt befinden“, sagte gestern Katja Lembke, die Direktorin des Landesmuseums. Bei insgesamt acht Werken – drei Grafiken von Ernst Nolde sowie fünf Blättern von Erich Heckel – gebe es Hinweise darauf, dass sie nach der Beschlagnahme entweder durch Kauf oder durch Tausch an den Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, den Vater von Cornelius Gurlitt, gegangen seien.

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In dem im Internet offen zugänglichen Beschlagnahmeinventar der Berliner Forschungsstelle „Entartete Kunst“ kann man nachforschen, welche das sind: neben einem extravaganten Frauenbildnis („Russin“), einem zauberhaften Kinderportät („Fischerkinder“) sowie dem rührenden und düstere Elemente verbindenden Blatt „Der Tod der Tänzerin“ von Nolde sind es ein Frauenakt („Frau am Spiegel“), eine „Landschaft“, das Bild „Mädchen am Meer“ sowie „Schlafende“ und „Mann in der Ebene“ von Heckel.

Insgesamt finden sich immerhin 97 der rund 280 damals in Hannover beschlagnahmten Bilder in der Datenbank, die verlorene, aber auch wiedergefundene Werke auflistet. Allerdings noch nicht die Bestände aus der Schwabinger Wohnung. Claudia Andratschke, die Provenienzforscherin des Landesmuseums, sagte gestern: „Bei den acht Grafiken mit den Vermerken ‚Provinzial-Museum‘ und ‚Gurlitt‘ könnte es sich um Werke handeln, die zu dem Münchener Fund gehören. Es könnte aber genauso gut sein, dass sie nach 1940 in den Handel gingen und in Privatbesitz verschwanden, wie das gerade bei Grafiken häufig der Fall ist.“

Bei der Augsburger Oberstaatsanwaltschaft hat das Museum bisher noch nicht angeklopft, um Einsicht in den Fund zu erbitten. Von einer Tagung von Provenienzforschern in Hamburg Anfang kommender Woche aber erhofft man sich Einblicke. Angemeldet ist dort neben Andratschke auch Meike Hoffmann aus Berlin. Sie ist die einzige, die die 1406 Bilder aus der Schwabinger Wohnung bisher in Augenschein nehmen durfte. Rückgabeforderungen werde man im Landesmuseum nicht erheben, sagte Andratschke: „Rein juristisch gesehen sind die Werke Eigentum von Cornelius Gurlitt.“

Sollten die Werke auf den Markt kommen, wäre nicht das Landesmuseum angesprochen, sondern das Sprengel Museum, das heute Hannovers Moderne-Domizil ist. Ulrich Krempel, der derzeit mit den Freunden des Museums in Istanbul unterwegs ist, sagte auf Anfrage: „Wir kennen natürlich die Liste mit den damaligen Verlusten, zu denen auch Bilder von Lissitzky/Küppers gehören. Beim Münchener Fund muss jetzt aber erst einmal alles im Detail geprüft werden.“ Krempel berichtet von einem Gespräch mit Jen Lissitzky: „Allein durch die schiere Menge der Bilder hofft er auf vermisste Arbeiten zu stoßen, die auf den Listen seiner Mutter stehen.“

Die Aufregung und Neugier hat inzwischen auch das Ausland erfasst. „Zwei amerikanische Kollegen aus den USA wollten von mir wissen, was jetzt in Hannover passiert“, sagt die Historikerin Ines Katenhusen. Sie schreibt gerade ein Buch über Alexander Dorner (1893–1947), den legendären hannoverschen Museumsmann. Dieser hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts 21 Säle und 23 Kabinette des heutigen Landesmuseums mit Kunst aus unterschiedlichen Jahrhunderten ausgestattet. Er füllte die farbig gestalteten Räume mit Heckel, Nolde, Schlemmer, Kirchner, Schwitters, Kandinsky, Lissitzky. Bei Piet Mondrian war Dorner sogar der erste weltweit, der ein Werk des Künstlers für ein Museum erwarb.

Als im Sommer 1937 die Razzia durchgeführt wurde, habe Dorner mit seiner Frau bereits im Dampfer in die USA gesessen, sagt Katenhusen. Er sei kurz vorher aus dem Amt entlassen worden. Sein Nachfolger, Ferdinand Stuttmann, machte just in der Zeit Urlaub, als die Kunst von den Nationalsozialisten abgeholt wurde. Seine Kollegen soll er angewiesen haben, sich nicht querzustellen, aber auch nicht mehr als unbedingt nötig herauszurücken. Katenhusen plant, mit dem bekannten Bostoner Dokumentarfilmer Peter Frumkin und dem amerikanischen Kunstprofessor Joseph Kenter, dem Großneffen Dorners, einen Film über Dorner und die damaligen Ereignisse zu drehen. Der spektakuläre Münchener Kunstfund habe Frumkin jetzt auf die Idee gebracht, die Hollywoodgröße George Clooney anzufragen, sagt Katenhusen. Mit seinem Film „Monuments Men“ habe Clooney gezeigt, dass er sich für Provenienzfragen und Kunstrestition interessiere. Mit seinem Kunstfonds könnte er das Projekt unterstützen.

Ronald Meyer-Arlt 07.11.2013
06.11.2013