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11:33 23.03.2015
Von Jutta Rinas
Auch Kartoffelschälen inspirierte zu neuer Musik.
Auch Kartoffelschälen inspirierte zu neuer Musik. Quelle: Achim Duwentäster
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Hannover

Es geht ums Ganze: um Strukturalismus, Poststrukturalismus, Systemtheorie, darum also - grob gesagt -, wie wir die Welt erkennen. Und es geht darum, all diese philosophischen Erklärungsansätze in modernes Musiktheater zu verwandeln. Jonathan Mummert, 16 Jahre, Schüler aus Geesthacht, hat dafür auf der Bühne des hannoverschen Ballhofs 2 eine groteske Szene entworfen. Ein Mann mit Fellmütze und einem darauf befestigten Verkehrsleitkegel fährt mit dem Fahrrad über die Bühne. Fragmente philosophischer Theoreme sind währenddessen von überallher zu hören, mischen sich mit Tönen einer Singstimme und einer Art Störgeräusch, das verstärkt durch den Ballhof hallt. Von irgendwoher blinkt eine Glühbirne.

Laut, bedrängend und zugleich überzeugend wirkt das: ein musiktheatralischer Ausdruck dafür, wie schwer es heute für Jugendliche ist, sich im permanenten Überangebot von Welterklärungsansätzen noch zurechtzufinden.

„Schattenhaft“ heißt ein Musiktheaterprojekt, das jetzt am Wochenende in Hannover den Höhepunkt des Nachwuchsfestivals „Klang-Körper“ bildete. Junge Musiker und Schulklassen aus ganz Niedersachsen präsentierten in dem von Musik 21 organisierten Projekt in zwei Konzerten und drei Musiktheateraufführungen, wie sie mit neuer Musik ihren Alltag klanglich erforschen. Für „Schattenhaft“ waren acht Nachwuchskomponisten im Alter zwischen 14 und 18 Jahren anderthalb Jahre lang auf Sinnsuche gegangen. „Was ist das überhaupt: Verstehen?“, war die Frage, der sie mit musiktheatralischen Mitteln nachgehen wollten. Die Jugendlichen aus der Kompositionsklasse des niedersächsischen Ensembles L’art pour L’art komponieren teilweise seit ihrem sechsten Lebensjahr und haben schon einige Erfolge vorzuweisen - Preise beim Bundeswettbewerb Jugend komponiert zum Beispiel. Viele von Ihnen sind außerdem mit eigenen Stücken an der CD-Edition „Haltbar gemacht“ beteiligt, die 2012 einen „Echo Klassik“ bekam.

Wie denken diese Jugendlichen in Tönen? Es war erstaunlich zu erleben, wie klar und differenziert sie trotz ihrer Jugend ihre komplexen musiktheatralischen Visionen auf der Bühne realisieren können. Acht Szenen hatten sie komponiert. Auf der Ballhofbühne verbanden sie sich zu einer facettenreichen Reihe aus Klangbildern: manchmal witzig, manchmal auch melancholisch, oft surreal. Da konnte man beispielsweise jene nicht näher bestimmte Figur vom Anfang bei reichlich grotesken Selbstbetrachtungs- und Selbstfindungsübungen vor einem Zerrspiegel beobachten. Immer weiter verschwammen die Körperkonturen, während ein Kontrabass weiter hinten auf der Bühne ein Solo spielte.

In einer anderen Szene wird „Yellow Submarine“ von den Beatles mit Strauss-Walzern kombiniert. Dazu ist auf der Bühnenleinwand hinten ein Blätterwald zu sehen. Und plötzlich finden sich die Ballhof-Zuschauer dort wieder. Sie werden mit Live-Bildern von sich selbst aus dem Zuschauerraum konfrontiert. Herausragende Künstler wie das Ensemble L’art pour L’art, die Sängerin Truike van der Poel, der Schauspieler Torsten Schütte und viele mehr setzten die Ideen der jungen Komponisten ausdrucksstark in Szene.

Schade, dass so wenige Jugendliche die Arbeiten ihrer Altersgenossen verfolgten. Die Erwachsenen jedenfalls klatschten begeistert.

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