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Kultur überregional Zwischen Sandpanzer und DDR-Klause
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19:21 14.11.2014
Von Jutta Rinas
Foto: Moderator Alexander Košenina (rechts) interviewt Buchpreisträger Lutz Seiler zu seinem Roman „Kruso“.
Moderator Alexander Košenina (rechts) interviewt Buchpreisträger Lutz Seiler zu seinem Roman „Kruso“. Quelle: Alexander Körner
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Hannover

Er hat einen ausgeprägten Sinn für das Bizarre, Groteske. Nicht nur in seiner Literatur, sondern auch auf der Bühne. Wer „Kruso“, den mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten, ersten Roman von Lutz Seiler kennt, der wusste schon vor seinem Auftritt bei der LiteraTour Nord, dass dieser Schriftsteller aus einem alltäglichen Vorgang wie dem Küchenabwasch in einem Ausflugslokal ein surreal anmutendes Ereignis machen kann.

Dennoch war es jetzt im Sparkassenforum am Schiffgraben eindrucksvoll zu erleben, wie stark dieser Blick auch den Menschen Lutz Seiler prägt. Wegen der großen Nachfrage war die Lesung aus dem Literaturhaus ins Sparkassenforum am Schiffgraben verlegt worden. 420 Zuhörer verfolgten dort sichtlich gebannt, wie der vor „Kruso“ vor allem als Lyriker bekannte Lutz Seiler im Gespräch mit Alexander Košenina von der Leibniz-Universität das Absurde im Alltäglichen suchte – und dabei Bilder von großer Leuchtkraft schuf.

Mit leisem, unprätentiösem Ton – als seien sie das Selbstverständlichste von der Welt – trug er Bizarrerien aus der ehemaligen DDR vor. Der Kontrast zwischen ruhigem Ton und schrägem Inhalt verstärkte die Wirkung seiner Worte noch. Auf die Charakteristika seiner Generation angesprochen, Seiler ist Jahrgang 1963, verwies er beispielsweise nicht nur darauf, dass die geburtenstarken Jahrgänge in Institutionen wie der Schule durch ihre Masse auffielen. Seiler berichtete, wie in seiner Schule Speisesäle in Klassenzimmer umgewandelt wurden. Die Schüler hätten im Keller in den Waschräumen gegessen, mit einem Brett als Tischersatz auf dem Waschbecken und einem Spiegel vor sich: „Wir saßen immer vor unserem eigenen Spiegelbild.“ Eine groteske Szene.

Beim Militär sei er – mitten im kalten Krieg – mit der Herstellung von Attrappen beschäftigt gewesen. Mit dem Spaten habe er am Waldrand Panzer aus Sand geformt, mit Kiefernstämmen als Kanonen. Im Winter sei das besonders gut gegangen, weil man die Panzer mit gefrorenem Wasser besser stabilisieren konnte. Staunendes, aber auch zweifelndes Gelächter im Publikum. Seilers Reaktion: Auf den Bildschirmen der Nato-Tornados seien die Sandpanzer nur schemenhaft zu erkennen und deshalb glaubhaft gewesen.

Bei seiner Lesung aus „Kruso“, einem Roman über die Wendezeit und eine Männerfreundschaft zweier Aussteiger auf Hiddensee, konnte man erleben, wie Seiler solche surrealen Szenen mit den großen Fragen der Menschheit – Freiheit, Gerechtigkeit, Tod – zusammenführt und ihnen dadurch existenzielle Kraft verleiht.

Moderator Košenina verlor sich leider allzu oft in seinen eigenen Fragen, statt Antworten seines Gegenübers abzuwarten. Dennoch: großer Applaus.     

Die Tour geht weiter

Am 4. Dezember liest Peter Rosei aus seinem Roman „Die Globalisten“. Beginn ist um 19.30 Uhr im Literaturhaus. Eintritt kostet 8 Euro, 6 Euro ermäßigt. Weitere Informationen zur LiteraTour Nord unter www.literatournord.de

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