Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Kultur überregional "Jetzt knutscht doch mal!"
Nachrichten Kultur Kultur überregional "Jetzt knutscht doch mal!"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 31.10.2015
Mit schweißnassen Haaren springt Sebastian Madsen (rechts) über die Bühne. Die Zuschauer davor tun es ihm gleich. Quelle: Wallmüller
Anzeige
Hannover

Mit schweißnassen Haaren springt Sebastian Madsen über die Bühne. Die Zuschauer davor tun es ihm gleich. "Jetzt knutscht doch mal", brüllt der Sänger der Indie-Punk-Rock-Band Madsen, die für gefühlige Texte zu schroffen Gitarrenriffs bekannt ist, der Menge entgegen. Dann stimmt die Band den Song "Küss mich" von ihrem neuen Album "Kompass" an. Es knutscht kaum jemand. Dafür gröhlen alle mit. Die Nummer ist ruhig im Vergleich zu den kreischenden E-Gitarren und hämmerndem Schlagzeug-Getrommel, das die meisten ihrer Songs begleitet.

Beim ausverkauften Tourauftakt der drei Madsen-Brüder und Bassist Niko Maurer im Capitol beben die Bässe, die Band und das Publikum. Live werden die Vier von Sängerin Lisa Who am Keyboard und Gitarrist Martin Krüssel unterstützt. Bereits zum fünften Mal spielen sie hier, bereits zum zehnten Mal sind sie in Hannover, erzählt Sebastian Madsen.

Anzeige

Egal ob alte Songs wie "Die Perfektion", mit der die Band vor gut 10 Jahren bekannt wurde, oder Lieder vom aktuellen, sechsten Studioalbum "Kompass": Das Publikum, vom Teenager bis zum Rentner ist alles dabei, ist textsicher und tanzt wild. Schon in der Umbaupause nach dem Auftritt der Vorband Montreal ruft die Menschenmenge immer wieder nach Madsen, stimmt kurzzeitig den Song Nachtbaden an. Auch als zu Beginn kurzzeitig sanfte Piano-Töne und Violinen erklingen, lassen sich die Zuschauer nicht irritieren.

Doch dann kreischen Sirenen. "Wasserwerfer, Tränengas. Alles viel zu weit weg", klagt Sebastian Madsen in "Sirenen" und kritisiert die Gleichgültigkeit seiner Generation gegenüber dem Weltgeschehen. Die Band stammt aus dem winzigen Dorf Prießeck im Wendland. Mit Demonstrationen gegen Atommüll, die Inspiration für den Titel waren, ist sie aufgewachsen. 

Auch beim altbekannten "Du schreibst Geschichte" wird es politisch. Sebastian Madsen widmet den Song dem Publikum, "Flüchtlingen, aber nicht den Scheiß-Nazis". Euphorischer Jubel. Die Menge schubst sich hin und her, Bier schwappt aus Plastikbechern, jede Textzeile sitzt. Ansonsten bleibt die Band thematisch aber in ihrem Metier: Selbstfindung, Liebe und dosierter Krach statt wilder Krawall. 

Zwischendurch wird es immer wieder lustig. Etwa, als Johannes Madsen "Zu spät" von den Ärzten covert und Sebastian kommentiert, dass sein Bruder den Song zwar 1986 geschrieben habe, die Tantiemen dafür jetzt aber jemand anders einsacke. Dafür sei es jetzt eben, genau, zu spät. "Soll ich einen Witz erzählen?", fragt der Sänger später, "oder ist das zu albern?" Das Publikum will den Witz hören. Daraufhin erzählt der Sänger eine Geschichte über LKW-Fahrer und Pinguine. "Heute sinkt für Sie: das Niveau", kommentiert er selbstironisch. Der Witz ist tatsächlich ziemlich flach. Das Konzert aber beweist, dass Madsen auch nach zehn Jahren immer noch live mitreißen können.

von Sarah Franke

Kultur überregional Thomas Fischer im Literarischen Salon - Das Recht auf Krawall
Isabel Christian 27.10.2015
Isabel Christian 27.10.2015
Daniel Alexander Schacht 26.10.2015