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Kultur überregional Zeichnen gegen den Strich
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20:23 20.05.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Marie Marks überegibt ihre Zeichnungen an das Wilhelm-Busch-Museum. Quelle: Surrey
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Hannover

Papa, dürfen wir Schweinchen Dick sehen?“, steht in der Sprechblase der Kinder vor der Badezimmertür – und in der Sprechblase des Vaters unter der Dusche heißt es: „Meinetwegen, kommt schon rein! Aber ab heute sagen wir Penis dazu!“

Heute scheint diese Zeichnung von Marie Marcks wie ein 68er-Sittenbild. Doch für die Künstlerin ist die Publikation dieses Werks auch ein Beispiel dafür, was für Tabus es damals noch gab. „Das Wort Penis – das ging 1973 nicht“, sagt sie im Rückblick auf das Jahr, in dem sie das Bild für die „Süddeutsche Zeitung“ gezeichnet hat. „Aber woher habt ihr den albernen Ausdruck?“, stand stattdessen in der Sprechblase – mit dem Wort war auch der Witz dahin. Wenn Marie Marcks heute davon erzählt, hat sie ein Lächeln im Gesicht, aber auch ein Funkeln in den Augen, das zeigt: Sie folgt weiter der kämpferischen Devise, die sie vor Jahren schon für den zeichnerischen Nachwuchs ausgegeben hat: „Hartnäckig bleiben!“

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1973, da hatte Marie Marcks schon über zehn Jahre mit spitzer Zeichenfeder Politik kommentiert. Dabei hatte sie zunächst ihren Vornamen auch deshalb abgekürzt, weil sie nicht als Frau erkennbar sein wollte. „Frau und Politik – das war der Männergesellschaft der Ära Adenauer nicht geheuer“, sagt die Frau, die die erste und lange Zeit einzige Karikaturistin der Bundesrepublik war.

Jetzt ist die 92-Jährige auch die erste Frau, die dem Wilhelm-Busch-Museum ihren kompletten Vorlass übereignet – wozu sie eigens den langen Weg von Heidelberg nach Hannover zurückgelegt hat. „Zeichnung und Karikatur, das sind bis heute Männerdomänen“, sagt Museumsdirektorin Gisela Vetter-Liebenow. Umso stolzer sei man, dass mehr als 2000 Einzelarbeiten, dazu noch Brief- und Archivmaterialien von Marie Marcks nun in das Museum für Zeichenkunst und Karikatur gelangen. Der Vertrag darüber ist am Dienstag unterschrieben worden. „Für uns ist das ein großartiger Neuzugang und ein großer Vertrauensbeweis.“ Immerhin habe die „Grand Dame“ der deutschen Karikatur wie ihre männlichen Kollegen bei ihrer Arbeit kein politisches Thema ausgespart.

In der Tat hat sich Marie Marcks schon kritisch mit Atomkraft und Umweltfragen beschäftigt, bevor es eine Ökologiebewegung gab, hat sich mit alten Nazis und neuer Fremdenfeindlichkeit auseinandergesetzt, aber auch die ihr nahestehenden sozialen Bewegungen mit Ironie und Spott betrachtet – und nicht zuletzt das Geschlechterverhältnis. So stattet die Frau, die fünf Kinder von drei Vätern hat, eine Geburtsszene mit Sprechblasen aus, die patriarchalischem Denken den Spiegel vorhalten. „Tut mir echt leid“, heißt es da, „aber es ist nur ein Junge!“

Getreu ihrer Devise „Lächerlich machen ist besser als dozieren“ attackierte sie die Umweltaufsicht gegenüber dem Hoechst-Konzern. Am Rand der Karikatur, die der „Vorwärts“ 1984 publizierte,  hat sie notiert, die Arbeit sei von der „Süddeutschen“ abgelehnt worden, und weiter: „In der betr. Nummer erschien eine ganzseitige Hoechst-Anzeige“. Ob politisch, gesellschaftlich oder historisch: Diese Frau hatte offenbar immer genug Courage, um auf Konfrontationskurs zu gehen, sie hat als Karikaturistin sozusagen stets gegen den Strich gezeichnet.

Dabei könnte fast in Vergessenheit geraten, dass sie nicht nur karikiert, sondern bereits als Kind aquarelliert und gezeichnet hat. Aus den Kriegsjahren stammt ein Bild des brennenden Berlin, wo sie aufgewachsen ist. Und auch heute noch greift sie bisweilen zu Pinsel und Stift. „Ich muss immer vorzeichnen“, sagt sie, „sonst wird das nichts“.

Auch von diesen Arbeiten könnte einiges zu sehen sein, wenn am 21. Juni 2015 eine Marie-Marcks-Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum startet. Kuratorische Leistungen wie diese haben die Zeichnerin zur Entscheidung für Hannover bewogen. Ohne die finanzielle Hilfe wäre der Ankauf freilich nicht möglich gewesen, betonte Herbert Schmalstieg, der Vorsitzende der Wilhelm-Busch-Gesellschaft.

Die Präsenz der wichtigsten weiblichen Karikaturistin schärfe das Profil des Hauses, sagte Sabine Schormann von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung. Joachim Werren von der Stiftung Niedersachsen erwartet davon eine Stärkung des Standorts Hannover. Und für Isabel Pfeiffer-Poensgen, die Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, die den ersten Impuls für den Ankauf gesetzt hat, stand von vornherehin fest, dass der Marie-Marcks-Vorlass nach Hannover gehört. „Das Wilhelm-Busch-Museum ist ja das profilierteste deutsche Haus für Karikatur und Zeichenkunst.“

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