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00:00 27.02.2015
Mina Salehpour inszeniert „Alles ist erleuchtet“ nach dem Roman von Jonathan Safran Foer als tragikomisches Roadmovie. Quelle: dpa/Archiv
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Hannover

Was wäre gewesen, wenn die eigenen Vorfahren ausgewandert wären? Oder eben gerade nicht? Was, wenn die eigene Vorgeschichte einen anderen Verlauf genommen hätte? Wo würde man heute leb en, und wer wäre man dann? Diese Fragen bringen den Protagonisten von Jonathan Safran Foers Roman „Alles ist erleuchtet“ dazu, den Spuren seiner Familiengeschichte in Europa zu folgen und die Geschichte seiner jüdischen Vorfahren in der Ukraine zu recherchieren.

Diese Fragen beschäftigen auch die Regisseurin Mina Salehpour, die den Roman mit vier Darstellern und der Musik von Markus Hübner auf die Cumberlandsche Bühne bringt: Herkunftsgeschichten, die erfundene Vergangenheit, die fragilen Beziehungen zwischen den Generationen und vor allem die Rolle der Väter sind wiederkehrende Themen in allen ihren Regiearbeiten. Und in allen Inszenierungen in Hannover - sei es in „Invasion!“, „Fatima“ oder „Monster“ - reizt sie der Grenzgang zwischen Tragik und Humor.

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„Humorvoll ist die einzige wahrheitliche Art, eine traurige Geschichte zu erzählen“, erklärt der zweite Protagonist des Romans, der junge Ukrainer Alexander Perchow dem Amerikaner Jonathan. Aus Alexanders Sicht erleben wir Jonathans Ankunft in der Ukraine und sein Scheitern an Sprache, Kultur und Umständen: Sein Dolmetscher, Alexander selbst, spricht eine Art Fantasie-Englisch, am Steuer des Wagens sitzt Alexanders grantiger Großvater, der sich einbildet, blind zu sein, und den Rücksitz teilt sich Jonathan mit der neurotischen Blindenhündin Sammy David Jr. Jr. Alexander erzählt mit einer ihm eigenen, unverwechselbaren Sprache, bei der Fehler zu Pointen werden und die daraus resultierenden Missverständnisse zu Anekdoten.

Die ungleiche Reisetruppe folgt Jonathans beiden einzigen Hinweisen: einem Foto seines Großvaters mit einem jungen Mädchen, das diesen vor den Nazis gerettet haben soll, und dem Namen des jüdischen Schtetls, in dem er aufwuchs: Trachimbrod. Jonathan möchte das Mädchen finden, ohne dessen Hilfe er selbst heute vermutlich nicht existieren würde, und er möchte sehen, wo er heute leben würde, wenn es den Krieg nicht gegeben hätte.

Aus Alexanders Perspektive wird die Geschichte der Suche nach dem Schtetl Trachimbrod zum humorvollen Kabinettstück, das aber jäh endet am Tatort einer geschichtlichen Katastrophe: Das Schtetl Trachimbrod wurde 1943 ausgelöscht, die Bewohner wurden ermordet. Nichts ist übrig, das der Erinnerung dienen könnte. Also muss die Vergangenheit neu erfunden werden: Jonathan schreibt einen Roman. Er kreiert die Geschichte seiner Vorfahren in Trachimbrod als kurioses Wunderland. In dieser bunten und liebenswerten jüdischen Idealwelt liegen „Schalom“-Fußmatten vor den Häusern, die Dorfgemeinschaft sammelt ihre Träume in einem dicken Buch, und Jonathans Urahnin wird im Fluss geboren und vom Rabbi im Thoraschrein aufbewahrt.

Währenddessen versucht Alexander nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart zu verbessern: „Ich glaube nicht, dass es irgendwelche Grenzen dafür gibt, wie ausgezeichnet wir das Leben scheinen lassen könnten“, erklärt er Jonathan und verwandelt die traurige, ergebnislose Suche nach Trachimbrod rückwirkend in ein Roadmovie - und sich selbst in einen Frauenschwarm.

Humor dient dem Romanautor Jonathan Safran Foer, wie auch seinen beiden Erzählern, als Lebenshaltung gegen den Schrecken. „Nur der schwarze Humor ist der echte Witz, wie auch nur die gemischten Gefühle die einzig echten sind. Im jüdischen Witz ist die Katastrophe verträglicher - damit man sie besser aushalten kann“, schrieb der Theatermacher George Tabori. Indem Jonathan und Alexander schlichtweg erfinden, was sonst nicht existieren würde, erschaffen sie sich und ihren Figuren eine eigene Wirklichkeit: „Wir sind hier. Und wir sind lebendig.“

Nur vier Darsteller braucht die Regisseurin Mina Salehpour, um Jonathan, Alexander, seinen Großvater, dessen Blindenhündin und sämtliche Urahnen und Schtetl-Bewohner in Trachimbrod auf die Bühne zu bringen. Gerade weil die Geschichte aus dem Geist zweier Erzähler erfunden wird, bieten sich rasante und offene Rollenwechsel auf der Bühne an.

Die Bühnenfassung hält sich eng an die Struktur des Romans, der die verschiedenen Erzählebenen kunstvoll miteinander verwebt und ein ständiges Changieren zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen der fantasiegewaltigen Erzählung von Jonathan und dem Roadmovie von Alexander, ermöglicht.

Während die Darsteller erzählerische Höchstleistungen vollbringen, stellt sich auf der Figurenebene ein raffiniertes Schachtelprinzip der Generationen ein: Söhne spielen ihre Väter spielen ihre Großväter, die Beziehungen der Gegenwart spiegeln sich haargenau in denen der Vergangenheit. Sie veranschaulichen zudem die Wiederholbarkeit von Geschichte. Wie sich Jonathans und Alexanders Vergangenheit an einem Punkt berührt, schieben sich auch die Geschichten aller ihrer Vorfahren ineinander, verzahnen sich, verbinden sich und werden zu einem großen Erinnerungsteppich.

  • "Alles ist erleuchtet" nach dem Roman von Jonathan Safran Foer, Premiere 15. März, 20 Uhr, Cumberlandsche Bühne anschließend Premierenfeier in der Galerie
27.02.2015
27.02.2015