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18:46 09.03.2015
Foto: Madonna: „Rebel Heart“
Madonna: „Rebel Heart“ Quelle: Interscope/Universal Music.
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Die Balladen halten sich in ihrer Struktur an „La Isla Bonita“, der Rest stürzt sich auf Peng und Wumms, es klingt wie Dancefloor unter viel zu bunten Pillen. Geht das durch als Qualitätsmerkmal auf Madonnas neuem Album „Rebel Heart“?

Bei Madonna hat man nie nach Qualität gefragt, das war nie vorbei, weil es nie angefangen hat. Gibt es Lieder für die Ewigkeit in ihrem Werk? Im Grunde nicht. Was wäre „Like A Virgin“ ohne diesen maßvoll gotteslästerlichen Schmuck, der so toll billig aussieht? Was hielte man von „Frozen“ ohne die mondäne Frisur, dieses Gefühl, Drei-Wetter-Taft könne unser Leben halt doch schöner machen? Madonna war nie Musikerin aus Berufung, sondern aus dem Kalkül heraus, mit ihren Bühnentalenten auf diesem Feld wuchern zu können. Sie ist eine großartige Entertainerin, doch ihre Stimme hat man eigentlich noch nie gehört - meist wird Kollege Computer dazu gemischt.

Ihr 13. Album „Rebel Heart“ ist ein weiteres Kapitel der Karriere, die so atemlos und trashig anfing, dann wie ein Priesteramt verwaltet wurde, souverän und fast gediegen (die Zeit um 1998 mit dem Album „Ray Of Light“). In welcher Ära steckt die Dame eigentlich jetzt? Ist ihr Sinkflug moderat oder doch schon rasant? Man hat keine Lust mehr, im Detail über die Songs der neuen Platte zu reden, das ist kein gutes Zeichen. Der Eifer fehlt, sogar die Lust am Verriss. Die Veröffentlichung des Albums ist kurzerhand vorverlegt worden, frühe Fassungen der Lieder wurden illegal im Internet veröffentlicht. Sie ist beim Singen gestürzt, neulich in England. Schließlich mündet dieser ganze Aufruhr im müden Album „Rebel Heart“, das wieder von großen Männern produziert wurde (Diplo, Avicii, Kanye West). Doch letztlich spürt man keinen Herzschlag. Ist Madonna noch die Königin? Oder gibt es diese Monarchien gar nicht mehr - wird der Pop von Parvenüs regiert, die bei You- tube geklickt werden wie irre und Sternchen werden für vier Wochen, wie neulich Hozier mit „Take Me To Church“?

Das neue Album also. Legen wir den Hammer aus der Hand. Draufhauen, das ist eine billige Haltung bei Madonna, die Frau hat Verdienste - sie ist das „Role Model“ der auch sexuell selbstbewussten Frau. Richtig ins Ohr, wenn nicht sogar ans Herz, gehen Stücke wie „Wash All Over Me“, „Messiah“ und das Titelstück „Rebel Heart“. Hier ist die Frau eins mit sich selbst, weil hier ein Ton durch ihre Lieder weht, der eben nicht nach bunten Pillen klingt. Es herrscht eine Besonnenheit, die wach und echt empfunden wirkt. Man mag es kaum noch sagen, dass sie nun 56 ist. Das ist kein Argument, dieses Alter hindert eine Frau im Pop an nichts, und trotzdem möchte man flüstern: Ist es vielleicht doch entlastend, wenn man nicht mehr diese grelle Schminke und die Fesselspiele braucht, um in Fahrt zu kommen, bei was auch immer? Mal samstagabends was Saturiertes tun (guter Wein, gutes Buch) und nicht den Mädels in den Clubs die jungen Typen ausspannen (die von guten Weinen und guten Büchern meist nichts wissen). Das Gediegene in ihren Songs klingt überzeugender als das Gepumpe und Geflirre, das oft wie ein Gewitter über ihre Platte huscht. Blitz und Donner aber wirken nur wie Blendwerk. Es ist die Suche nach dem Puls der Zeit, die Madonna in ihre elektronisch befeuerte Tanzmusik treibt. Letztlich klingt es doch zu oft wie eine Herzrhythmusstörung. In der Ruhe liegt Madonnas Kraft.

Dieser Ruhe wird sie sich nicht anvertrauen. Weiter wird es Alben von ihr geben, die vor Pubertät strotzen, gefesselt und gepeinigt wird sie aussehen auf ihren Covers, vielleicht singt sie ja bald ein Lied mit ihrer Tochter. Ihre Fans werden sie lieben für jede dieser durchgedrehten Volten. Sie wird die Kirche weiter quälen mit den Bühnenshows, die erst ab 18 sind. Und später werden wir unseren Enkeln erzählen: „Gut, dass es sie gab. Sie hat den Pop von den Füßen auf den Kopf gestellt, obwohl sonst alle probierten, es umgekehrt zu machen. Alle wollten dem Pop Erdung geben, sie hat ihn zum halluzinogenen Abenteuer gewandelt.“ Selbst wenn wir unseren Enkeln eingestehen müssen: Die letzten Alben von Madonna haben wir nach dem ersten Hören aussortiert.