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Kultur überregional Wer leakt richtig?
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22:11 23.01.2015
Von Uwe Janssen
Haarfenkonzert: Björk.Foto: universal Quelle: Universal
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Hannover

Der Begriff Leak hat im deutschen Sprachgebrauch eine erstaunliche Karriere hinter sich. Es ist eine Internetkarriere, eine halb legale und öffentlichkeitswirksame. War das gute alte Leck meist mit Untergang verbunden, macht ein Leak vor allem Wirbel. Da, wo keine politischen Aufklärer zuschlagen, um Ungereimtheiten ans Licht zu fördern, sondern Kulturgut vorab veröffentlicht wird, lässt das Leak lang und teuer vorbereitete Marketingstrategien ins Leere laufen und wirft Terminpläne über den Haufen.

Weil so etwas in der praktischen Digitalwelt ganz schnell gehen kann, müssen die Künstler Strategien entwickeln. Gar nicht so einfach. Viele setzen auf die Flucht nach vorn. Dass die Welt zwei Monate früher als geplant in den Genuss des neuen Björk-Albums „Vulnicura“ kommt, ist die Folge eines ebensolchen Leaks. Eigentlich sollte es im März pünktlich zu einer mit Spannung erwarteten Björk-Ausstellung im Museum of Modern Art in New York auf den Markt kommen. Nun kursierten die Songdateien im Internet. Nur Tage später gibt es das Album regulär auf iTunes zu kaufen. Als ob ein Notfallplan in der Schublade gelegen hätte.

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Björk reagiert souveräner als Madonna

Die Isländerin ist schon der zweite prominente Fall in kurzer Zeit, und ihre souveräne Reaktion ist eine andere als zuvor die von Madonna. Auch bei der Amerikanerin waren Songs in die Öffentlichkeit gesickert. Die kontrollwütige Künstlerin hatte daraufhin ein derart amtliches Gezeter veranstaltet, dass es bis in den letzten Winkel der Erde zu hören war. „Eine Art Terrorismus“ sei das, eine „Vergewaltigung der Kunst“, schimpfte sie in dem Sozialnetzwerk Instagram, schließlich seien die geklauten Daten keine fertigen Songs gewesen, sondern nur Demoaufnahmen. Als ob es nicht genau diese Raritäten wären, die im großen, vergänglichen Like-mich-Buhlen besondere Aufmerksamkeit garantieren.

Eine zweite Welle trat Madonna kurz darauf los, als sie sich für ihre Wortwahl entschuldigte. Schließlich schob sie ein Kurzalbum mit sechs Songs auf den Markt. Man darf das getrost als Köder für das nun im März erscheinende Album „Rebel Heart“ verstehen. Es bleibt bis dahin offensichtlich keine nachrichtenarme Zeit: Am Donnerstag wurde ein Mann festgenommen, den man für den bösen Leckschläger hält.

Auch Björk ist früher dran als geplant. Auch ihr wurden offensichtlich Songdateien entwendet. Aber die 49-Jährige reagiert, wie man es von ihr gewohnt ist: unkonventionell. Keine Klagen, kein Ausraster. Alles okay, irgendwie.

Leaks gab es schon immer

Die Spielereien mit den Leaks sind so alt wie die undichten Stellen selbst. Radiohead erkannte schon vor fast anderthalb Jahrzehnten, dass sich im Netz umherschwirrende Musikdateien keineswegs nur negativ auf den Verkauf auswirken müssen. Für das Album „Kid A“ entpuppten sich die vorab illegal über die damals berüchtigte Tauschbörse Napster heruntergeladenen Songs als prima Werbung, mit „Kid A“ platzierte sich Radiohead erstmals überhaupt nennenswert in den US-Charts - auf Platz 1. Auch Hip-Hopper, seit jeher am kreativsten in Guerillamarketing, spielen mit Vorabveröffentlichungen besonders gern, vor allem wenn sich das Ganze in einer für sie imagegerechten, attraktiven Grauzone abspielt.

Beyonce Knowles ging noch einen Schritt weiter. Sie warf 2013 die Frage auf, ob ein Album überhaupt eine Marketingkampagne braucht. Der amerikanische Superstar veröffentlichte das Album „Beyonce“ inklusive Videos zu allen Songs ohne jegliche Ankündigung auf iTunes - und enttarnte den sorgfältig geplanten Coup als eigentliche Kampagne, was den Vorgang zum populären Gegenstand von Studien und akademischen Vorlesungen machte

U2 versuchte Ende des vergangenen Jahres, das Guerillamarketing auf die Spitze zu treiben, erlag aber dem eigenen Größenwahn. In der irrigen Annahme, der Mensch als solcher sei über Musik von U2 so glücklich wie über Luft zum Atmen oder die Liebe des Heilands, verschenkte die irische Band ihr Album „Songs of Innocence“ an eine halbe Milliarde itunes-Nutzer und ließ es via Apple einfach in die Mediatheken der Nutzer laden - ob die wollten oder nicht. Prompt standen die Pathos-Rocker im Shitstorm. Das eigentlich ordentliche Album wurde zur Nebensache, weil es eine Belästigung war. Sein Ende fand das Imagedesaster in einem grauen Button, mit dem man auf einer nachträglich freigeschalteten Apple-Seite das Album mit einem Klick wieder löschen konnte. U2-Musik als Spam, darauf muss man erst einmal kommen.

Björks Gelassenheit und Souveränität, was den Leak von „Vulnicura“ angeht, ist aber auch in ihrer Haltung begründet und wundert nicht. Sie begegnet dem Internet vor allem mit Neugier - auch den vermeintlich bösen Seiten. Es passt zu ihr, so einen scheinbaren GAU als Teil des Prozesses zu sehen und zu integrieren. Schon ihr Album „Biophilia“ war eine Spielerei. Das Album gab es auch als App, es war audivisuell, beschäftigte sich mit Physik und den Elementen. Dagegen ist „Vulnicura“ geradezu ein Gefühlstrip. Eigentlich, so Björk, habe sie mit den Songs eine chronologische Geschichte eines gebrochenen Herzens erzählen wollen, drei Songs über das Vorher, drei über das Nachher, die Wunde und das Heilen der Wunde, „um zu beweisen, wie biologisch dieser Prozess ist“.

Am Ende sind es neun Lieder geworden, sie bewegen sich auch zwischen zwei Polen, und eine gewisse Chronologie ist immer noch da. Werden anfangs Texte wie der Gefühlsappell „Stonemilker“ oder „The History of Touches“ über das weibliche Berührungsspeichersensorium noch von warmen, fast überbordenden Streicherarrangements umspielt, durchschreitet der Hörer später düstere Klangwälder, mehrheitlich kreiert vom venezuelanischen DJ und Soundbastler Alejandro Ghersi, kurz Arca. Man landet dabei wahlweise im Treibsand oder taucht zehn Minuten lang in den „Black Lake“ ab. Wie sehr Björks Gesang nach wie vor den See teilt, erfährt man am besten, wenn man sich die Kommentarschlachten in Internetforen anschaut, die sich verlässlich zwischen Anbetung und übelster Beschimpfung bewegen.

Auch das ist bei Madonna anders. Da schimpft die Künstlerin noch selbst.

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