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09:55 02.11.2014
Holly Johnson hat sein neues Album „Europe“ veröffentlicht.
Holly Johnson hat sein neues Album „Europe“ veröffentlicht. Quelle: dpa (Archiv)
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Hannover

Man könnte viele Geschichten erzählen über Holly Johnson. Die über Frankie Goes to Hollywood natürlich, die Band, die er gleich zweimal gründete, weil sich die erste erfolglos auflöste und er den Namen aber so gutfand, dass er seine nächste Band genauso nannte. Die Geschichte über das fulminante Triple „Relax“, „Two Tribes“ und „The Power of Love“, die der Band drei Nummer-eins-Hits bescherten – mit den ersten drei Singles.

Man könnte auch die Geschichte über Johnsons offenen Umgang mit seiner Homosexualität erzählen, was heute keine Geschichte mehr wäre, schon gar nicht in der Künstlerszene. Aber Anfang der Achtziger war das Thema so sensibel wie heutzutage bei Fußballern – und Johnson (wie sein Bandkollege Paul Rutherford) sozusagen in der Rolle Thomas Hitzlspergers.

Man könnte die Geschichte erzählen über seine HIV-Erkrankung, die er 1991 erfuhr, das Jahr, in dem Freddie Mercury starb. Johnson lebt. 1994 machte Johnson auch seine Krankheit öffentlich. Dank einer Kombinationstherapie und einem nonnenhaften Lebensstil, wie er es selbst nennt, hat die Krankheit ihn nicht besiegt. Er allerdings die Krankheit auch nicht. Er lebt mit ihr. Und jetzt singt er auch wieder darüber. In „You’re in My Dreams Tonight“, einem der Songs von seinem neuen Album „Europa“, besingt er einen Freund, der, ebenfalls in diesem Jahr 1991, den Kampf verloren hat. Johnson fühlt eine gewisse Verantwortung: Viele seiner Freunde leben nicht mehr, „ich lebe also in gewisser Weise für sie“.

All diese Geschichten über Holly Johnson könnte man erzählen, er selbst hat es in seiner Biografie „A Bone in My Flute“ getan. Sie sind fröhlich, traurig, mitreißend, in jedem Fall emotional.

Aber man kann auch einfach seine Musik hören. Und diese Stimme. Diese leicht knödelige, in der Höhe aber scharfe Stimme, die jedem, der in den Achtzigern ein Radio und funktionstüchtige Ohren hatte, unauslöschlich hängen geblieben ist – spätestens beim Refrain von „The Power of Love“, der Monsterballade, die triefender Kitsch war und ihn gleichzeitig persiflierte.

Ein solches Meisterstück ist auf „Europa“, seinem ersten Album seit 15 Jahren, nicht zu finden. Aber die Stimme ist dieselbe geblieben. Aus seiner Zeit als Solokünstler hat der 54-Jährige Vergessenes und Unveröffentlichtes ausgegraben, nach aktuellen Go-to-Guys in der Produzentenszene gesucht und Mark Ralph gefunden, der sich um Bands wie Hot Chip kümmert. Denn „Europa“ ist das, was man früher Synthiealbum nannte – als Synthiealben in neongrellen Farben den musikalischen Weg durch die Achtziger erleuchteten. Bei „Follow Your Heart“, dem Auftaktstück, muss man sogar noch einmal kurz nachschauen, ob man nicht versehentlich ein altes Album ins Abspielgerät geschoben hat. Ein Sound wie 1985, eine akustische Fönwelle und Worte, die man außer Modern Talking vor 30 Jahren niemandem vorgeworfen hat. Follow Your Heart. War halt so. Und stimmt ja auch irgendwie.

Johnson selbst sagt, er brauche manchmal solche emotional positiven Songs für die Seele, er singe sie sich quasi selbst vor. Mutmachlieder statt Mitmachlieder. Dabei kommen auch Belanglosigkeiten wie „The Sun Will Shine Again“ heraus, aber das war früher auch schon so. „Welcome to The Pleasure-dome“, das Hitalbum von Frankie Goes to Hollywood, war halb Knüller, halb Füller. „Europa“ ist zumindest halb Opa, da geht’s doch ab und zu ziemlich diskofoxig zu. Sei’s drum.

Das spannendste Stück ist „Europa“, nicht nur wegen seiner politischen Anmutung. Johnson hat es vor 25 Jahren mit Vangelis aufgenommen, einem dieser Männer, die sich bei der Arbeit mit Keyboards einmauerten. Der Grieche sei sehr freundlich gewesen, aber danach habe er nie wieder was von ihm und dem Song gehört, hat der Brite neulich erzählt. Nun hat er es selbst wieder in die Hand genommen – und ein schönes Stück Pop daraus geformt.

Eigentlich will man gar nicht wissen, wie es mit Vangelis klang.

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