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Kultur überregional Öko-Designer fasziniert mit Ausstellung im Haus am Waldsee
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08:32 15.04.2013
Von Johanna Di Blasi
Der Designer Werner Aisslinger setzt in der Ausstellung „Home of the Future" im Haus am Waldsee seine Vision vom futuristischen Wohnen um. Quelle: studio aisslinger
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Berlin

Herr Aisslinger, fast niemand imaginiert heute noch Science-Fiction-Visionen futuristischen Wohnens. Sind wir utopielos geworden?

Heute geht es nicht mehr um das Haus als spaciges Raumschiff, dafür aber um Utopien vom Haus als Organismus. Verglichen mit den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist unsere Zeit freilich utopieloser geworden. In der Drop City, der ersten Hippiesiedlung, wurden Anfang der sechziger Jahre gemeinsam mit dem Architekten Buckminster Fuller bereits wilde Recyclinghäuser gebaut. Heute ist die Globalisierung weltweit ein Angstfaktor. Man zieht sich ins kleine Zuhause zurück, wagt nicht mehr so viel.

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Ihre Ausstellung im Haus am Waldsee trägt den Titel „Home of the Future“. Was bedeutet für Sie Zuhause?

Der Titel ist ironisch gemeint. Es hat in der Architektur und im Design immer visionäre Richtungen gegeben und gediegene, stilorientierte Ansätze. Das Haus am Waldsee wurde als Industriellenvilla gebaut. In meiner Ausstellung transformiere ich den Ort zurück in ein Zuhause. Mir geht es dabei nicht um Stil. Es soll keine einheitliche Sauce über eine Wohnung gegossen werden. Leben ist eine Collage, Häuser und Wohnungen sind Collagen. Es gibt nicht nur Patchworkfamilien, in denen Menschen zusammenkommen, sondern auch Patchworkhäuser, in denen Möbel aufeinandertreffen: Erbstücke, Designklassiker, banale Alltagsdinge. Wir leben in Hybridwelten.

2007 haben sie ein „LoftCube“ entworfen, das im Park des Hauses am Waldsee parkt. Ist das Retro-Fiction oder glauben sie an mobile Architekturkonzepte?

Die Idee hinter dem „Loft-Cube“ ist es, Großstadtdächer zu besiedeln und Rooftop-Communitys zu gründen – also eine Art Camping mit dem Loft-Cube zu betreiben. In Städten gibt es unheimlich viel ungenutzte Dachfläche. Außer Antennen und Billboards steht da meistens nichts. Es gibt durchaus Immobiliengesellschaften, die an einer ökonomischen Nutzung der Dächer interessiert sind. Das „Loft-Cube“ kann mit Hubschraubern oder Kränen schnell versetzt werden. Wenn es angedockt ist, kann es aus dem Hauptgebäude Wasser oder Strom absaugen. Es ist eine urbane Wohnutopie, sogenannte „Parasite Architecture“, weil sie sich wie ein Parasit auf Häuser setzt.

Wie aufgeschlossen zeigen sich Hausbesitzer?

Tja, es gibt sehr viele Schwierigkeiten, vor allem baurechtlicher Natur. Bei größeren Eigentümergemeinschaften bräuchte man wohl mindestens zehn Jahre, um alle Parteien zu überzeugen.

Ein neues Projekt ist die „Production Kitchen“ mit integriertem biologischen Wasserkreislauf, wo Pflanzen von Fischen gedüngt werden. Ist das appetitlich?

Es handelt sich um Aquaponic. Das ist ein effizientes Verfahren, das sich keine Freaks aus Spaß ausgedacht haben. Es ist eine agrowissenschaftliche Utopie, bei der die Effizienz 15-fach höher ist als bei Ackerbau. Die Fische müssen zwar hin und wieder gefüttert werden, aber sie düngen die Gemüsebeete. Bei einer stetig wachsenden Menschheit kommt supereffizienten nachhaltigen Kreislaufsystemen eine wachsende Bedeutung zu. Speisepilzzucht, Fischzucht, Tomatenstauden – all das funktioniert in der „Production Kitchen“.

In einer „Chair Farm“ kultivieren Sie Stühle sozusagen als nachwachsendes Mobiliar. Wie funktioniert das?

Die „Chair Farm“ stellt eine weiter Utopiestufe dar: der Industrie wird „Product Farming“ gegenübergestellt. Es geht darum, Pflanzen so wachsen zu lassen, dass sie Stuhlform bekommen. Was nach einer naiven Utopie klingt, könnte in 20 Jahren möglich sein. Sie können dann im Gartencenter den Gartenstuhl als Samen aussuchen.

Sie betreiben auch Nebelfängerei, und zwar in einem visionären Badezimmer, das neben der „Production Kitchen“ ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Wozu?

Die Anregung kommt von Käfern, die sich in der Sahara morgens auf Dünen stellen und mit der Oberfläche ihres Körpers aus dem Morgennebel so Feuchtigkeit auffangen. Es gibt inzwischen oberflächenoptimierte Stoffe, die in ähnlicher Weise Wasser auffangen. Tischtuchgroße Stoffe generieren einen halben Liter Wasser. Wir haben mit solchen Stoffen ein textiles Bad entworfen. Es fängt den Duschnebel ein. Während Bäder normalerweise hart sind, ist bei uns das ganze Bad weich. Die Badewanne und das Waschbecken lassen sich umkrempeln, so wie man Hosen hochkrempelt. Dadurch wird der Wasserverbrauch optimiert.

Liegt die Zukunft des Wohnens womöglich in der Vergangenheit, als menschliches Leben stark in Naturkreisläufe eingebunden war, aber auch viel ausgelieferter?

Es geht auf jeden Fall um eine Besinnung auf die Natur. Man ist natürlich immer auch Kind seiner Zeit. Heute wird das Nachhaltigkeitsthema stark diskutiert, es geht um die Qualität von Nahrungsmitteln, man möchte wissen, wo Lebensmittel herkommen. Bei uns kommen die Nahrungsmittel direkt aus der Küche.

Werner Aisslinger, geboren 1964 in Berlin, ist ein deutscher Möbeldesigner. Von 1987 bis 1991 studierte an der Hochschule der Künste in Berlin. Er arbeitete in London für Jasper Morrison und Ron Arad sowie im Mailänder Studio de Lucchi. Seit 1993 führt er das Studio Aisslinger in Berlin und unterhält ein weiteres Büro in Shanghai. Er hat eine Professur für Produkt Design an der Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe. Die Ausstellung „Home of the Future“ (mit dem oben abgebildeten „Loftcube“ aus dem Jahr 2008) ist vom 21. April bis 9. Juni im Haus am Waldsee in Berlin, Argentinische Allee 30, zu sehen.  Öffnungszeiten dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr. Informationen unter: (0 30) 8 01 89 35 und unter: www.hausamwaldsee.de