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00:15 15.09.2013
Otto Sander gehörte zu den bekanntesten Schauspielern in Deutschland. Jetzt ist er im Alter von 72 Jahren gestorben. Quelle: dpa
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Berlin

Es war sein letzter großer Auftritt auf der Leinwand: Bernd Böhlichs Seniorenkomödie „Bis zum Horizont dann links“. Kein großer Film, beileibe nicht. Aber wie Otto Sander da als rüstiger Flugzeugentführer Tiedgen inmitten ebenfalls in Würde gereifter Kollegen (Angelica Domröse, Herbert Köfer, Tilo Prückner, Monika Lennartz ...) ein langes Leben eingefangen hatte, das machte jede Minute sehenswert.

Dabei machte er gar nicht viel, musste er nicht, musste er nie: Die immer ein wenig feuchten, leuchtend blauen Augen mit den markant knittrigen Lidern unter hellen Wimpern, darüber die vom Hochsee-segeln gegerbte Stirn, die Züge, in die Erfahrung und Alkohol tiefe Furchen gezogen haben, während der Dreharbeiten zu diesem Film längst auch der Krebs – auf diese maritime und immer ein wenig

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melancholischen Gesichtslandschaften musste die Kamera nur draufhalten, und Bilder wurden zu Ereignissen. Wie die Töne, Silben, Worte, Sätze, die Otto Sander sagte mit dieser Stimme, die sich unter die Haut raspelte, die das Herz wärmte und doch überall Widerhaken auslegte. Sonor war sie und tief, volltönend und immer etwas leise, was Aufmerksamkeit garantierte, markant und zerbrechlich, satt und sanft – und unvergesslich.

Dieses Gesicht und diese Stimme, das waren die Gaben, mit denen Otto Sanders bereits überreich ausgestattet war, als der 1941 in Hannover geborene Ingenieurssohn, der seine Kindheit in Peine verbrachte und dort zum „schönsten Baby von Peine“ gekürt wurde, sich in den frühen Sechzigern nach München aufmachte. Mit festem Ziel („Regisseur wollte ich werden“) studierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität Theaterwissenschaft, Germanistik, Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie. Dann sammelte er Bühnenerfahrungen im Studentenkabarett und wechselte 1964 an die Otto-Falckenberg-Schule, um Schauspielunterricht zu nehmen. Dort flog er schon im Jahr darauf wegen „ungebührlichen Betragens“ raus, konnte aber seine Ausbildung mit einer externen Prüfung abschließen. 1966 folgte das Erstengagement in Düsseldorf, und über Verpflichtungen in Heidelberg und Kassel spielte er sich schließlich nach Berlin, auf die Bühnen der Stadt, die seit 1970 seine Heimat wurde. Wo er so regelmäßig in der Paris-Bar stand, dass am Tresen ein Messingschild seinen Stammplatz markiert. Wo er 1971 zu den Gründungsmitgliedern der Schaubühne gehörte. Und deren Ruf als Theatermekka er in den goldenen siebzigern und schtziger Jahren mitbestimmte. Als Darsteller in Produktionen von Peter Stein und Claus Peymann, Robert Wilson und Luc Bondy, als großer Tragöde und als kleiner Mann, als Hauptmann von Köpenick und bei den Salzburger Festspielen als Tod.

Ein knappes halbes Jahrhundert Theater – das hat ihn unsterblich gemacht. Wie die vier Jahrzehnte, in denen er im Kino und Fernsehen unvorstellbar fruchtbar aktiv war. Die Hörbücher, in denen er großen und kleinen Autoren seine Stimme lieh, natürlich auch.

Otto Sander war nicht wählerisch, nicht, was die Genres anbelangte, und nicht in Sachen Ambition. Seine rund 150 Posten zählende Filmografie weist anarchischen Trash („Nicht fummeln, Liebling“, 1970, „Das Kondom des Grauens“, 1996) auf und große Filmkunst wie Wim Wenders Diptychon „Der Himmel über Berlin“ und „In weiter Ferne so nah“, worin er an der Seite seines langjährigen Bühnenpartners Bruno Ganz dem in schlichter Menschlichkeit das Publikum weltweit zu Tränen rührenden Engel Cassiel seine blauen Augen lieh, sein Gesicht und seine Wunderstimme.

„Das Boot“, „Die Blechtrommel“, „Comedian Harmonists“, „Marlene“, „Sass“ – drehten die Großen des deutschen und des europäischen Films, kamen sie an Otto Sander kaum vorbei, auch der Autorenfilm ist ohne ihn kaum denkbar: Eric Rohmer, Andrzej Wajda, Wolfgang Petersen, Volker Schlöndorff, Werner Schroeter, Michael Verhoeven, Margarethe von Trotta, Matti Geschonneck, Joseph Vilsmaier, sie alle ließen ihn, der, gleich ob Komik oder Tragik, in historischem Breitwandformat oder intimem Kammerspiel, hinter Rollen Menschen fand, ihre Werke adeln.

In den letzten beiden Jahrzehnten tat er das gern mit familiärer Unterstützung: Immer wieder stand er mit seinen Ziehkindern Ben und Meret Becker, die seine Ehefrau Monika Hansen aus ihrer ersten Ehe mit Rolf Becker mitgebracht hatte, vor der Kamera. In Rosa von Praunheims „Der Einstein des Sex“ war 1999 die ganze Familie beteiligt, auch die Brandenburger „Polizeirufe“, in denen er an der Seite Ben Beckers dem Streckenwärter Lansky Leben einhauchte,
zeugen von einem partnerschaftlichen Schauspielverständnis, das Sander grundsätzlich bevorzugte, aber in der Familie naturgemäß besonders intensiv ausleben konnte.

Am Donnerstag ist Otto Sander an den Folgen  seines langen Krebsleidens gestorben. Seiner Witwe schickte Bundespräsident Joachim Gauck ein Beileidsschreiben: „Ich erinnere mich“, heißt es darin, „an Otto Sander als einen der glaubwürdigsten Schauspieler unserer Zeit.“

Ja, das war er ohne Zweifel.

Von Peter Korfmacher

Auf der Bühne und im Film ein Star: Rollen von Otto Sander

FILM:

  • „In weiter Ferne, so nah“ (1993) und „Der Himmel über Berlin“ (1987): Für Regisseur Wim Wenders spielt Sander einen Engel, der aus Liebe zu einer Frau ein Erdenleben beginnt.
  • „Die Geduld der Rosa L.“ (1986): In Margarethe von Trottas hochgelobtem Film hat Sander die Rolle des Karl Liebknecht.
  • „Das Boot“ (1981): Als Ritterkreuzträger Thomsen in Wolfgang Petersens Werk wird Sander international bekannt.
  • „Die Blechtrommel“ (1979): Sander spielt den ewig betrunkenen Trompeter Meyn.

THEATER:

  • „Das letzte Band“ (2006): In Becketts Solostück überzeugt Sander als zweifelnder alter Mann.
  • „Der Hauptmann von Köpenick“ (2004): Sander brilliert als mehr tragischer denn komischer Hauptmann.
  • „Kuss des Vergessens“ (1999): Für seine Rolle wird er zum Schauspieler des Jahres gewählt, zum zweiten Mal nach 1979.
  • Joel Brand“ (1966): Sanders Bühnendebüt an den Düsseldorfer Kammerspielen.

FERNSEHEN:

  • Polizeiruf 110“ (1994-2005): Mit Sohn Ben Beckersteht Sander mehrfach für die ARD-Krimireihe vor der Kamera.
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