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19:11 14.06.2015
Schmerzengel: Denis Piza zwischen Himmel und Erde.
Schmerzengel: Denis Piza zwischen Himmel und Erde. Quelle: Gert Weigelt
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Hannover

Halleluja, diese Frau hat Mut: Anastasiya Bobrykova dreht und windet sich an einem Vertikalseil, als wäre sie eine Varietékünstlerin. Dabei achten Berufstänzer in der Regel tunlichst darauf, ihrem Körper keine verletzungsträchtigen Anstrengungen nicht tänzerischer Art zuzumuten. Bobrykova hingegen scheut kein Risiko. Mit gewagten Abfallern, elegantem Spagat und raffinierten Verschlingungen meterhoch über dem Bühnenboden liefert sie als Schlange in Jörg Mannes‘ Ballett „Paradiso“ zu Beginn der Premiere eine eindrucksvolle Luftakrobatiknummer. Adam (Joseph Gray) und Eva (Michèle Stéphanie Seydoux) stiehlt sie auf diese Weise sowohl ihre Unschuld als auch die Show in der fast ausverkauften hannoverschen Oper.

Hannovers Ballettchef Jörg Mannes inszeniert „Paradiso“ als episodenhaftes Stück, das von der Glücksuche jenseits von Eden erzählt. Adam und Eva streben nach Liebe. Andere finden ihr Paradies am Strand oder in der Anhäufung von Reichtum. Es gibt keine Handlung, aber auch keine deutliche Grundaussage, die die einzelnen Szenen verbindet. Sie ergeben lose aneinandergereiht, keinen wirklichen Sinn. Vielmehr spannt Mannes einen oft die Kitschgrenze streifenden Bilderbogen aus Träumen und Sehnsüchten, bei dem das Tänzerische oftmals jedoch seltsam nebensächlich wirkt. Nicht die Bewegung dominiert, sondern die Musik. Das liegt vor allem am Komponisten: Der Cellist Giovanni Sollima hat nicht nur die imposante Musik zum Stück geschrieben, sondern spielt bei der Premiere auch selbst im Orchester (Leitung: Mark Rohde). Bereits in früheren Choreografien hat Mannes auf Sollimas Musik zurückgegriffen. Jetzt hat der Saitenvirtuose extra für „Paradiso“ neue Werke komponiert.

Musik wie ein pulsierender Strom

Wer auf den oberen Rängen sitzt, hat das Vergnügen, Sollimas ganz eigene Performance mit seinem Instrument zu beobachten. Er spielt mit wilder Grandezza, wiegt den Körper hin und her, als ob er selbst gleich zu tanzen anfangen wollte. Sollimas Musik ist ein pulsierender Strom. Der Sizilianer ist dafür bekannt, dass ihm Stilgrenzen nicht weiter wichtig sind. Klassische Töne gehen bei ihm über in folkloristisch anmutende Melodien, aus denen sich wiederum Jazz-Elemente oder orientalische Klänge herausbilden. Selbst Schlagzeug, E-Gitarre und E-Bass kommen in Sollimas Komposition für „Paradiso“ zum Einsatz. Alles fügt sich erstaunlich gut ineinander. Nicht ein Ton wirkt fehl am Platz. Zumindest in instrumentaler Hinsicht.

Choreografisch sieht das etwas anders aus: Der Turnkunst nicht genug, macht Jörg Mannes seine Tänzer auch noch zu Sängern. Doch während Bobrykovas Akrobatikeinlage als gewagte Extradarbietung fasziniert, befremdet die „Himmelskaraoke“-Szene eher: Debora Di Giovanni, Rubén Cabaleiro Campo, Lilit Hakobyan und Denis Piza als Erzengel in golden schimmernden Pantys und Bustiers (Kostüme: Rosa Ana Chanzá) greifen zum Mikro und singen abwechselnd ein Madrigal des Renaissance-Komponisten Jakob Arcadelt, während das Ensemble im Hintergrund bunte Leuchtstäbe schwenkt. Dann doch lieber Tanz.

Hektisches Hin und Her auf der Bühne

Sollimas beschwingte Musik sorgt für einen temporeichen Wechsel von Duetten, Soli und Ensemble-Auftritten, die die Tänzer punktgenau zur Musik meistern. Das flexible Bühnenbild von Florian Parbs mit transparenten Vorhängen und einem rechteckigen Rahmen, der mal zur Poollandschaft (im Urlaubsparadies), mal zu einer Art Schaufenster (im Einkaufsparadies) wird, schafft abwechslungsreiche Bilder. Hinzu kommt die ausgefeilte Lichttechnik von Peter Hörtner, die die Bühne mal in Himmelblau versinken oder golden erstrahlen lässt.

Tänzerisch überzeugt vor allem Patrick Michael Doe, der im zweiten Akt seinen Auftritt als der mysteriöse „Herr V“ hat; eine Figur, die ihr Seelenheil in Macht und Geld sieht. Kraftvoll, dynamisch, sprunggewaltig und mit ausdrucksstarker Präsenz gibt Doe den dominanten Siegertypen. Die Bewegungssprache ist hier klar, ruhig und akzentuiert. Man hätte sich mehr davon gewünscht. Vor allem bei den Ensemble-Szenen versinkt vieles eher in hektischem Hin und Her.

Die Faust Gottes

Nach vielen Irrungen und Wirrungen zwischen Himmel und Erde holt Mannes schließlich zum finalen Schlag aus und lässt eine überdimensionale Faust auf den Bühnenboden krachen. Der Herr hat gesprochen. Amen.

Die Zuschauer feiern mit minutenlangem Applaus ein bravouröses Ensemble und Orchester, vor allem aber einen höllisch guten Giovanni Sollima, der auf der Bühne noch eine Solo-Zugabe gibt. Ohne ihn dürfte „Paradiso“ in den künftigen Vorstellungen weniger schillern.

Die Einzige vom Staatsballett, die dem Glück auf der Bühne nicht hinterherjagte, war Hannovers Publikumsliebling Catherine Franco: Sie hat ihr Glück privat gefunden und wird demnächst Mutter.

Kerstin Hergt

Theatertipp

Die nächste Vorstellung von „Paradiso“ ist am Sonnabend, 20. Juni, 19.30 Uhr, in der Staatsoper. Kartentelefon: (05 11) 99 99 11 11. Weitere Informationen zum Stück gibt es unter www.oper-hannover.de

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