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00:15 28.01.2015
„Niemand geht mit dem Parlament so schlecht um wie die Abgeordneten“: Roger Willemsen (rechts) mit Ilija Trojanow. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Im Bundestag wird noch Frack getragen. Allerdings nur von den Saaldienern, deren Kleiderordnung damit traditionell wie sonst nichts der Würde des Ortes huldigt. Immerhin tagt hier der Repräsentant des Volkes, des Souveräns also, der den allgemeinen Willen in Gesetze fließen und die Regierung kontrollieren soll. Das Parlament ist die höchste Institution der Demokratie - weshalb das Gebäude, in dem es zusammentritt, ja auch ganz würdevoll als „Hohes Haus“ bezeichnet wird.

Doch geht es darin auch so würdig zu? Roger Willemsen, Moderator, Autor und Journalist, ist dieser Frage in einem Selbstversuch nachgegangen. Ein Jahr lang hat er keine Bundestagssitzungswoche verpasst und auf der Zuschauertribüne das Geschehen beobachtet. Dann hat er ein Buch dazu geschrieben („Das Hohe Haus“, Fischer-Verlag, 400 Seiten, 19,99 Euro) - und jetzt auch Ilija Trojanow und dem Publikum der Reihe „Weltausstellung Prinzenstraße“ davon berichtet.

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„Ich hatte da recht hohe Vorstellungen“, sagt Willemsen und bekennt, hier ausdrücklich „mehr am Prinzipiellen als am Aktuellen interessiert“ gewesen zu sein. Seine Ernüchterung kam offenbar rasch. Denn die Gepflogenheiten von Volks- und Regierungsvertretern ließen Illusionen keinen Raum: Der größte Teil der Abgeordneten nehme regelmäßig „eine Art Gewohnheitsrecht auf Abwesenheit“ für sich in Anspruch. Und die Anwesenden signalisierten durch emsiges Herumwischen auf Smartphones, dass sie allenfalls nebenbei der Kommunikation am entscheidenden Ort der Rede in der Demokratie zu folgen bereit seien. Statt geschliffener Wortgefechte im Dienste des besseren Entscheidung gebe es dort von Regierungsparteivertretern „Lobeshymnen, Selbstbeweihräucherung, Ergebenheitsadressen an Angela Merkel“. Und die - von der Großen Koalition noch mehr - begrenzte Redezeit der Opposition führe zu oft „kurzen, flachen, seichten“ Einwänden. Statt Argumenten herrschten Behauptungen vor, statt der Wahrnehmung von Problemen dominiere deren Verleugung. So verkündete der CDU-Mann Matthias Zimmer, die Armutsdebatte sei zu stark „auf lediglich materielle Faktoren“ fixiert. Und sein FDP-Kollege Martin Lindner sekundierte, es gebe „eine Vermehrung von Armutsberichten, aber nicht von Armut“.

Über die intellektuelle Schlichtheit solcher Rhetorik hinaus, die einem geschliffenen Redner wie ihm besonders auffallen muss, konstatiert Willemsen auch eine Entmachtung des Parlaments, das nur noch „simulierte Transparenz“ biete. Wo finden dann die Entscheidungen statt, fragt Moderator Trojanow? Günstigstenfalls in Ausschüssen, sagt Willemsen, oft aber wohl in Hinterzimmern unter Einfluss von Lobbyisten. Ist das Parlamentsschelte? „Niemand geht mit dem Parlament so schlecht um wie die Abgeordneten selbst.“ Und was, fragt Trojanow, folgert Willemsen aus seinen Erfahrungen? Fraktionszwang und Rekrutierungswege von Abgeordneten wirkten fatal. „Da sollen Leute ihre Parteifreunde kontrollieren, von deren Wohlwollen ihre Karriere abhängt.“ Und überhaupt: „Warum sollte sich ein Parlament nicht ohne Parteien bilden lassen?“ Da brandet Applaus im voll besetzten Schauspielfoyer auf.

Außer neuen Einsichten für sein Publikum hat Willemsen übrigens noch neue Begegnungen für sich selbst gewonnen. Zum Beispiel mit Bundestagspräsident Norbert Lammert. „Ich habe Sie gar nicht gesehen“, habe der ihm gesagt, erzählt Willemsen - und geantwortet: „Ich war ja auch öfter als Sie im Parlament.“

Sabrina Mazzola 26.01.2015
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