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Kultur überregional „Salto vocale“ bei den Kunstfestspielen
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07:51 08.06.2015
Von Rainer Wagner
Hecheln und raunen: David Moss mit dem Mädchenchor Hannover. Quelle: Helge Krückeberg
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Hannover

„Zum Raum wird hier die Zeit“ heißt es im „Parsifal“. Bei den Kunstfestspielen Herrenhausen wird die Zeit immerhin zum Klangraum: bei den „Multiple Voices“, die zeigen, dass zweimal zwei auch Vierzig ergeben kann.
Wer viel Zeit mitbringt, konnte am ersten Sonntag der Kunstfestspiele schon Künstlerinnen und Künstlern sechs Stunden beim Schlafen zusehen, wird am kommenden Sonnabend auf eine 16-stündige Bierreise durch Wagners „Ring“ geladen und durfte jetzt immerhin sieben Stunden lang erleben, wie die beiden Sänger Terry Web und Ulfried Staber sich zu einem 40-Stimmen-Chor vereinen.

Als Tenor und Countertenor der eine, als Bariton und Bass der andere nehmen sie im Galeriegebäude Thomas Tallis’ Motette „Spem in Alium“ auf: Stimme für Stimme. Nach jedem 8-Minuten-
Take ist eine kurze Pause, in der das Publikum kommen und gehen kann. Und bei jeder neuen Aufnahme wird das bereits Aufgezeichnete zugespielt. So wird wie beim Baumkuchenbacken Schicht auf Schicht gelegt. Spannend!

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Wer nach zwei Stunden zum „Salto vocale“ in die Orangerie wechselt, macht eine Zeitreise nicht nur vom England der Reformation ins Heute, sondern auch zurück in die Zukunft, denn David Moss präsentierte eher altbackene Avantgarde-Muster. Zum Auftakt demonstriert erst einmal der Stimmartist Christian Zehnder mit einem musikalischen Gruß aus seiner Schweizer Heimat, dass er das Jodeldiplom besitzt und zugleich in tiefen Stimmlagen orgeln kann. Der Programmzettel nennt das „neue alpine Musik“ (aber ist dafür nicht Hubert von Goisern zuständig?). Zehnder bemüht mit einem Gruß an John Cage auch zwei Orgelpfeifen und eine „Hechelkommode“ als Klangbeiträger, versucht den Dialog mit dem musikalisch meist kurz angebundenen Geiger Tobias Preisig und kann immerhin Spannung aufbauen.

Die geht dann bei David Moss schnell verloren. Der von Sam Auinger am Mischpult mit Zuspielungen und Klangbeiträgen unterstützte Stimmartist hechelt und brummt, säuselt und raunt eine Geschichte, in der es um die Schwerkraft geht und um einen Waldspaziergang. Das ist nicht nur akustisch schwer zu verstehen. Und es ist ein Ärgernis, weil Moss bei alledem den Mädchenchor Hannover bemüht, der selten so unterfordert wurde. Mit Paukenschlägen startet und stoppt er Liegeklänge der Mädchenstimmen, rafft sich einmal zu einer Aktion als Chorleiter auf, doch was ein Kanon hätte werden können, verharrt in statischem Leerlauf.
Nicht viel besser wird es nach der Pause, wenn sich die vier Solisten vereinen – oder das zumindest versuchen. Jetzt hat die Live-Elektronik mehr Raum, doch die Versuche der beiden Vokalisten, improvisierend zueinander zu finden, verläuft sich in Beliebigkeit. Und der Geiger Tobias Preisig kann kaum mehr als schroffe Akzente in diese Hör-Spiele einbringen.

Immerhin darf jetzt der Mädchenchor Hannover das Agnus Dei einer Haydn-Messe zitieren. Das ist zwar nicht zwingend, aber klangvoll. Vielleicht hätte Moss einfach mal zuhören sollen, was diese Mädchen – auch in Sachen Neuer Musik – zu bieten haben. Der Wiener Literat Friedrich Torberg hätte geschrieben: „Der Beifall war endenwollend.“ Immerhin wurden die Chormädchen verdientermaßen mit mehr Applaus bedacht.
Wer danach ins Galeriegebäude zurückkehrte, wo man mittlerweile bei Stimme 24 angekommen war, konnte mit den komplexen und kontemplativen Tallis-Klängen seine Ohren und sein Gemüt reinigen. Das war, als würde man beim Bau einer zeitlosen Klangkathedrale zusehen, wie Stein auf Stein gesetzt wird und das Gebilde immer strahlender ersteht.

Im Vergleich zur Moderne aus dem Jahr 1573 sieht an diesem Abend das Heute ziemlich gestrig aus.

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