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Kultur überregional Der Show-Prozess
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19:54 16.03.2014
Von Jutta Rinas
Immer freundlich, immer Lächelnd, immer im Dienst für die Diktatur: Journalist und Showmaster Heinrich Kramer (Hagen Oechel, Bild rechts).Ribbe Quelle: Ribbe
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Hannover

Eigentlich ist es eine Szene voller Schmerz, Einsamkeit, Intimität. Mia Holl, 33, Biologin - Hauptfigur in Juli Zehs jetzt am Schauspiel Hannover aufgeführten Science-Fiction-Drama „Corpus Delicti“ - hockt auf der Bühne neben ihrem Bruder Moritz. Der sitzt im Gefängnis, er wird des Sexualmordes an einer Geliebten beschuldigt. Um Liebe geht es in dem Gespräch der beiden - dem möglicherweise letzten vor Holls’ Verurteilung. Um Schuld geht es, um Gerechtigkeit und darum, wofür es sich zu sterben lohnt. Leises melancholisches Klavierspiel verstärkt das Gefühl der Verlassenheit.

Zugleich aber werden die beiden gefilmt. Denn ein „Wir“, das „kollektive Bewusstsein“, beobachtet in Zehs Theaterstück alles und jeden. Moritz Holls Gesicht wird überlebensgroß in SchwarzWeiß-Bildern auf eine Leinwand projiziert - und die Premierenzuschauer im Schauspiel werden unversehens zu Voyeuren. Jedes verzweifelte Augenflirren, jeden verstört zuckenden Mundwinkel des inhaftierten bekommt man mit. Wie ein greller Kontrapunkt wirkt das, inmitten der Stille.

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Es ist eine von vielen eindrucksvollen Szenen, die Lars-Ole Walburg gelingen. Dabei ist die Vorlage schwere Kost. Juli Zeh entwirft in ihrem 2007 geschriebenen Stück eine Art Gesundheitsdiktatur, einen zukünftigen, totalitären Staat, in dem Körperpflege und Fitness von oben verordnet sind. Sport ist Pflicht und wird kontrolliert, Küssen dagegen ist wegen Sepsisgefahr verboten. Rauchen ist eine schwere Straftat - und Liebe nur mit dem immunologisch passenden Partner möglich.

Das ist philosophisch tiefgründig konstruiert und wirft ein Schlaglicht auf die Gesellschaft von heute: auf Schlankheits- und Fitnesswahn, auf das Bedürfnis, alles, was krank, alt oder anders ist, auszusortieren. Das Problem ist, dass „Corpus Delicti“ sich oft nicht wie ein Drama liest, sondern wie ein Pamphlet, eine Art politisches Manifest wider den Überwachungsstaat. Es ist eine Art Gedankentheater, das aus vielen Monologen und wenig Handlung besteht.

Es ist deshalb kein Wunder, dass auch Walburgs Regiearbeit insgesamt einen eher intellektuellen, spröden Charme hat. Dies ist kein Theater, bei dem man mit den Figuren mitfühlt, mit ihnen lacht oder weint. Dies ist hochreflexives Rollenspiel, ein Theater, das der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will und dabei durch seine gedanklichen Brechungen, Ironisierungen wirkt. Walburgs „Corpus Delicti“ ist stark gestrafft, der Spannungsbogen wird durch die Entwicklung Mia Holls (Rebecca Klingenberg) von der staatstreuen Bürgerin, die am Selbstmord des zu Unrecht verurteilten Bruders zerbricht, zum mehrfach verurteilten Opfer des Systems, leidlich gehalten. Aber die Stärke dieser Inszenierung liegt in der Vielschichtigkeit, in den vielen konterkarierenden Ebenen, mit denen Walburg die Vorlage bricht. Der intrigante Gegenspieler der Geschwister Holl, der an der Macht partizipierende Journalist Heinrich Kramer (Hagen Oechel) beispielsweise, ist ein Showmaster, der die Ideologien der Gesundheitsdiktatur schmierig wie ein Verkäufer auf einer Butterfahrt präsentiert, in retrohaften Showeinlagen im Stil eines Rudi Carrell: immer freundlich, immer lächelnd - und immer zu einer Gesangseinlage bereit (Bühnenbild: Kathrin Frosch, Musik: Christof Littmann). Richterin Sophie (Sarah Franke) fällt ihre Urteile nicht in schwarzer Robe, sondern im rosa Röckchen, kichert mit Staatsanwalt Bell (Rainer Frank) beim Prozessieren um die Wette und bekommt einen hysterischen Anfall beim Wort „Privatangelegenheit“. Die „ideale Geliebte“ (Lisa Natalie Arnold), eine nur in Mias Kopf existierende Figur, setzt Walburg klug auch als Erzählerin ein, die über die philosophischen Thesen von Mia und Kramer spottet. Immer wieder macht Walburg überdies klar: Dieses Theater geht auch uns etwas an - um wenig später jeden Gedanken daran zu zerstreuen, dass Theater könne etwas ändern. Als Negativfilm, in dem Menschen wie Geistergestalten wirken, lässt er gleich zu Beginn Bilder vom hannoverschen Raschplatz über die Leinwand flimmern. Moritz Holl (Sebastian Grünewald) läuft irgendwann ins Publikum und fasst Leute an: „Das ist doch wenigstens echt.“

Dass das Theater seine Bedingungen reflektiert, ist ein alter Hut, aber Walburg findet eine überraschende Wendung. Der tolpatschige Verteidiger Rosentreter (Sebastian Schindegger) will auch ins Publikum und merkt plötzlich, da ist eine unsichtbare Wand. Die Theaterleute sind es, die im gläsernen Käfig hocken. Angestarrt werden geht, rauskommen nicht. Am Ende wirkt mancher Zuschauer nachdenklich, sogar irritiert. Der große Applaus ist dennoch verdient.

Wieder am: 22., 25. März und am 1., und 13. April.

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