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18:56 05.09.2014
Von Martina Sulner
Ihren Gedichtband „Skizze vom Gras“ hat Scheuermann in den vergangenen sieben Jahren geschrieben. Quelle: Kirsten Bucher
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Hannover

In der Welt, wie sie hier beschrieben ist, hat wenig Bestand, das meiste verschwindet oder löst sich auf. „Es war das Jahr, in dem sie das Ministerium für Pflanzen auflösten, / da die Erde nicht mehr genug Arten beherbergte, für die / der Aufwand sich gelohnt hätte. Der Minister und seine Mitarbeiter / wurden Verkehr und Technologie zugeschlagen, der Abteilung / die schneller wuchs als Organisches.“

So beginnt Silke Scheuermanns Gedicht „Skizze vom Gras“ aus dem gleichnamigen Buch. Betörend schöne und furchtbare traurige Gedichte sind in dem Band zu finden, solche über ausgestorbene Tiere und Pflanzen, aber auch ein Zyklus über Figuren der Commedia dell’Arte.

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In ihrer Lyrik erkundet die 41-Jährige die „Grundlagen unserer Existenz“, befindet die Jury zum hannoverschen Höltypreis, Scheuermanns poetischer Kosmos ist ein „lebensgefährliches, von den Schrecken unserer Gegenwart aufgewühltes Gelände“. Für ihr Gesamtwerk, vor allem aber für den gerade veröffentlichten Band „Skizze vom Gras“ erhält Silke Scheuermann am 10. September den Höltypreis der Stadt und der Sparkasse Hannover. Die mit 20.000 Euro verbundene Auszeichnung ist der am höchsten dotierte deutsche Lyrikpreis.

Gleich zu Beginn ihrer Autorenlaufbahn hat die gebürtige Karlsruherin einen der wichtigsten Preise für junge Lyriker bekommen, den Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt. Das war 2001, kurz darauf brachte der Suhrkamp-Verlag ihren Gedichtband „Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen“ heraus. Mittlerweile liegt er in fünfter Auflage vor.

„Es ist eigentlich von Anfang an so gewesen, dass ich sowohl Prosa als auch Lyrik geschrieben habe“, sagt Silke Scheuermann heute. Nach einem weiteren Lyrikband erschien dann 2005 ihr Buch mit Erzählungen, „Reiche Mädchen“. Das sind Geschichten über junge Frauen, von denen viele unentschlossen durchs Leben gehen, doch mit reichlich Fantasie und einer großen Entschlossenheit zur Liebe ausgestattet sind.

Auffällig viele von Scheuermanns Figuren - auch aus den Romanen - haben etwas Traumwandlerisches: Sie bewegen sich manchmal wie ferngesteuert; fast hat der Leser Angst, dass sie abstürzen. Das gilt auch für die Figuren aus dem Roman „Die Häuser der anderen“. Das letzte Kapitel des Buches spielt in New York, wo die Autorin eine Weile Stipendiatin war. Scheuermann, die heute mit ihrem Mann in der Nähe von Frankfurt lebt, ist in den vergangenen zehn Jahren viel herumgereist; sie hatte Stipendien in Beirut und Los Angeles, Rom und Schanghai. „Es schadet nicht, ein wenig über den Tellerrand zu blicken, und man lernt wirklich interessante Kollegen kennen“, sagt sie.

Noch bis Ende September ist Scheuermann Stipendiatin in Hausach im Schwarzwald. Sie ist dankbar für solche Aufenthaltsstipendien, weil sie „in Klausur“ ein ganzes Stück am nächsten Buch weiterkomme. „Im Moment arbeite ich wieder an einem Roman, mal sehen, was daraus wird ...“

Ihren Gedichtband „Skizze vom Gras“ hat sie in den vergangenen sieben Jahren geschrieben. Kapitelweise ist das Buch in dieser Zeit entstanden, in der sie auch an Romanen gearbeitet habe. Zum Schluss hat sie für den Band „nur aussortiert und die besten Gedichte aus den jeweiligen Reihen genommen“.

Auf den ersten Blick wirkt die Autorin eher scheu. Wer Silke Scheuermann bei Lesungen erlebt hat, weiß aber: Sie wirkt zwar schüchtern, doch sobald sie ihre Texte liest, ist sie präsent, und es gelingt ihr mit Leichtigkeit, ihr Publikum in den Bann zu ziehen. Auch als Poetikdozentin in Wiesbaden ist sie schon aufgetreten. Solche Dozenturen haben „ihren eigenen Reiz“, sagt sie: „Es macht Spaß, sich quasi öffentlich über einige Dinge klar zu werden, die beim Schreibprozess oft besser im Unbewussten bleiben, weil man sonst leicht zu konzeptionell wird, und der Sache den Zauber der eigenständigen Entwicklung nimmt.“

Ein Zauber liegt auch über den aktuellen Gedichten.

Silke Scheuermann: „Skizze vom Gras“. Verlag Schöffling & Co. 104 Seiten, 18,95 Euro.

Die öffentliche Preisverleihung findet am 10. September, 20 Uhr, im Kleinen NDR-Sendesaal in Hannover statt. Der Eintritt ist frei, Anmeldung unter (05 11) 16 84 53 35.

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