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Kultur überregional Spurensuche im Erinnerungsraum
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08:40 01.06.2015
Gegen das selektive Erinnern: Aleida Assmann im Schauspielhaus. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Die Zukunft war früher auch besser“ - die Wahrhaftigkeit dieses Bonmots von Karl Valentin spürt Ilija Trojanow gerade am eigenen Leibe: Monatelang stand für ihn fest, dass er am Sonntag die Weltausstellung Prinzenstraße moderieren würde. Ein Wasserschaden in seiner Wiener Wohnung hat diese durchaus bescheidene Zukunftsvision zunichte gemacht. Er hat der Gesprächsreihe im Schauspielhaus damit aber ein frisches Beispiel geliefert, wie jäh Zukunftsentwürfe veralten können - passend zum Thema „Zeit und Gedächtnis“.

Das Gespräch darüber mit Aleida Assmann führt anstelle von Trojanow der Schauspieldramaturg Johannes Kirsten recht zurückhaltend. Die Anglistikprofessorin kann daher zu recht ausschweifenden Streifzügen in die Geistes- und Kulturgeschichte aufbrechen. „Zukunftsvisionen stoßen zusehends auf Skepsis“, konstatiert sie. „Seit den Achtzigerjahren schwenkt der Fokus daher von Zukunfts- auf Vergangenheitskonstruktionen.“ Dafür ist sie zweifellos Expertin. Immerhin gilt Assmann als wichtigste Wegbereiterin von Debatten um die Erinnerungskultur - wovon Bücher wie „Geschichte im Gedächtnis“, „Die Zukunft der Erinnerung“ oder „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“ zeugen.

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Erinnern ist nach ihren Worten ein Vorgang, bei dem eine Gruppe entscheidet, was ihr überliefernswert erscheint. „Das ist ein Prozess mit hohem Konformitätsdruck und einer extremen Selektion: Man sucht sich aus, was einem aktuell passt.“ Im 19. Jahrhundert habe sich dabei die Tradition herausgebildet, vom Fremden das Eigene abzugrenzen und es in Jubiläen und Denkmälern feierlich zu befestigen. „Auf diese Weise haben sich Völker ,nationale Biografien’ zugelegt.“

Weiterhin nach dieser nationalen Logik funktioniert offenbar die Debatte um die Massaker an Armeniern durch die Jungtürken vor 100 Jahren. „Am 24. April wurde weltweit dieser Taten gedacht, die immer mehr Staaten als Völkermord einstufen - doch die Türkei hat kurzerhand einen Gedenktag an den türkischen Sieg bei der Dardanellenschlacht auf diesen Tag verlegt.“ Ein solcher Versuch staatlicher „Rekodierung“ von Gedenkritualen - im türkischen Fall auch gegen längst viel offenere Debatten in der türkischen Zivilgesellschaft gerichtet - sei durchaus typisch für das Ringen gegenläufiger Interessen in der Erinnerungskultur. „Je mächtiger dabei die politischen Interessen sind, desto stärker ist der Zwang, die Darstellung der Geschichte an den Bedürfnissen der Gegenwart auszurichten.“ Muss man also, da historische Wahrheit dabei auf der Strecke zu bleiben droht, grundsätzlich skeptisch gegenüber kollektiven Erinnerungskulten sein?

Heute gebe es auch selbstkritische Erinnerungstraditionen, hält Aleida Assmann dagegen. Und durch die Europäisierung sei „der nationale Horizont in Auflösung“. Als „sehr einfühlsam“ habe sie 2014 die Erweiterung des Gedenkens an den Ersten Weltkrieg auf die europäische Ebene erlebt. Etwa den von Frankreichs Präsident François Hollande eingeweihten „Anneau de la Mémoire“. In diesem Ring der Erinnerung sind 600 000 Kriegstote nicht nach Nationen verzeichnet, sondern alphabetisch. „Da tritt das Gruppengedächtnis zurück, das Geschichtsbewusstsein ist europäisierend verlängert - und der Erinnerungsraum endlich transnational.“

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