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Kultur überregional „Gott behüte unsere Jungens“
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07:03 24.10.2014
Von Simon Benne
Emotionale Texte: Uta Ziegan und Richard Birkefeld. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Das Blatt druckte lange Reportagen über „kriegslustige Jünglinge“, über „famose Burschen“, die sich auf der Bult für den Fronteinsatz drillen ließen, und über alte Damen, denen Tränen patriotischer Rührung über die Wangen liefen. Der sozialdemokratische „Volkswille“ hingegen warnte schon am 1. August 1914 vor einer „fürchterlichen Selbstzerfleischung der europäischen Völker“ in einem „Weltkrieg“.

Im Historischen Museum trugen die Historiker Richard Birkefeld und Uta Ziegan jetzt Zeitungsartikel, Feldpostbriefe und Behördenberichte aus den Kriegsjahren vor. Die Textcollage, die von ferne an Karl Kraus’ „Letzte Tage der Menschheit“ erinnert, spiegelt die Kriegsbegeisterung jener Zeit wider. Diese zeigt sich im Gedicht eines neunjährigen Mädchens: „Für meinen Kaiser kämpf’ ich jetzt, / die Feinde werden fortgehetzt“, ließ das Kind einen Soldaten darin sagen.

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Allerdings war die Euphorie keineswegs so einhellig, wie die Propaganda glauben machen wollte: „Die Menschen haben schon jetzt den Kopf verloren“, schrieb Auguste Crusius, die Mutter einer Pastorenfamilie, als ihre Söhne an die Front zogen. „Gott behüte unsere Jungens“, notierte sie. „Wie soll ich es ertragen, wenn ich sie nicht wiedersehe?“ In Feldpostbriefen schilderten ihre Söhne den Horror nächtlicher Angriffe: „Alt bin ich geworden, und gelacht hab’ ich schon lange nicht mehr“, berichtete Martin Crusius nach einer „fürchterlichen Kanonade“. Er fiel im Jahr 1916.

Passend zur aktuellen Ausstellung „Heimatfront“ offenbaren die textlichen Mosaiksteinchen im Historischen Museum, wie sehr sich der Wertekanon seit 1914 veränderte: Das Pathos von damals klingt heute kalt und zynisch. Gerade das, was damals als engherzig abgetan worden wäre, berührt uns – wie die Sorge der Mutter. So öffneten Ziegan und Birkefeld einen emotionalen Zugang zu einem akademischen Thema. Allerdings geriet der anderthalbstündige Textmarathon auch etwas lang. Und historische Fotos hätten geholfen, dem Schicksal der Akteure ein Gesicht zu geben.

Am 11. November, 18 Uhr, spricht Peter Schulze im Historischen Museum über Hannovers Arbeiterbewegung im Ersten Weltkrieg. Am 25. November, 18 Uhr, setzen Birkefeld und Ziegan ihre Lesung fort.

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