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Kultur überregional Pink Floyd und was davon übrig blieb
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00:29 10.11.2014
Von Uwe Janssen
Foto: Coverkunst war mal eine Stärke von Pink Floyd – auch diese Tradition endet beim Wolkenreiter von „The Endless River“.
Coverkunst war mal eine Stärke von Pink Floyd – auch diese Tradition endet beim Wolkenreiter von „The Endless River“. Quelle: Warner Music
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Hannover

Ein neues Album von Pink Floyd. Klingt komisch. Unwahr. Verdächtig geradezu. Erstens, weil die Hälfte der Bandmitglieder tot oder ausgestiegen oder beides ist. Zweitens, weil die verbliebenen Mitglieder die konzertante Aufführung ihres musikalischen Schaffens längst an eine australische Coverband abgetreten haben, die diese Kopistenaufgabe seit Jahren perfekt und erfolgreich erledigt. Drittens, weil das Kapitel Pink Floyd in den Köpfen der meisten Fans längst als ein abgeschlossenes Ganzes existiert und weder durch ausgegrabene Raritäten noch durch immer wieder neu abgemischte Surround-Erlebnisse aus den Grundfesten gerissen werden kann.

Immerhin: Ein als neu angekündigtes Pink-Floyd-Abum regt Fantasie und Diskussionen an. Es wird wieder gefachsimpelt, gestritten, geschwärmt. Von Kunst auf Covern, von fliegenden Schweinen und Betten und immer wieder von „Dark Side of The Moon“. Dem Meilenstein. Und wie man es dreht und wendet: Es ist ein Meilenstein.

Die Leistung, die Pink Floyd damals zusammen mit einem gewissen Alan Parsons als Toningenieur erbracht hat, war die Transparenz des Sounds, sozusagen die klare Verortung jedes einzelnen Tons im virtuellen Raum, in dem sich zuvor immer nur ein mehr oder weniger breiiges Klanggemisch befunden hatte. Mit „Dark Side of The Moon“ und seinen Tonwelten aus Musik, Sprache und Geräusch ließen sich in dieser mehrdimensionalen Klangwelt ganz andere Dinge erzählen. Der Klang des Albums ist heute noch gut. Oder vielmehr ist er wieder gut.

Denn aus heutiger Sicht liefert er nicht nur ein definiertes Klangbild, sondern eine fast kristallene Klarheit im Vergleich zur bis zur Unkenntlichkeit komprimierten Hitsoße, die aus dem Radio dudelt oder schon ab Werk so zubereitet ist, dass sie auch aus dem Handylautsprechern noch einigermaßen zu erkennen ist. Im Jahr 2014, in denen Musik sich nach viereinhalb Sekunden vermittelt haben muss, um nicht weggezappt oder einfach überhört zu werden, mutet „Dark Side of The Moon“ wie ein Fossil aus der Generation LSD an, vor dem die Generation DSL steht und staunt, wie man mal so viel Zeit zum Musikhören haben konnte, ohne etwas anderes dabei zu tun. 40 Minuten, Wahnsinn.

Und nun „The Endless River“. Es wäre unfair, über das Album zu urteilen, ohne sich umzudrehen und zurückzuschauen. Das Rockgebirge Pink Floyd besteht aus drei Gesteinsschichten: die mit Syd Barrett, die ohne Syd Barrett und die ohne Syd Barrett und Roger Waters. Wenn Floyd-Fans sich über die beste Zeit der Band streiten – und das tun sie eigentlich immer –, dann definieren sie das Ende ihrer persönlichen Lieblingsphase mit dem Ausstieg eines dieser beiden Köpfe. Die, die Pink Floyd 3.0 mit David Gilmour an der Spitze am besten finden, dürfen selten ausreden und werden von den anderen im besten Fall als naiv oder spätgeboren oder beides belächelt. Was einerseits erstaunlich ist, denn zwei der großartigsten Momente der Rockgeschichte, so viel Pathos sei erlaubt, liefert immerhin David Gilmour mit seinen Gitarrensoli zu „Shine on you Crazy Diamond“ und „Comfortably Numb“. Und auch später hat er beispielsweise das Katastrophenpanorama in „Sorrow“ allein mit seinem Instrument eine zerstörerische, monumentale Kraft verliehen.

Was Gilmour immer fehlte, war die schräge Phantasie, die das als Kunststudentenexperimentalprojekt gestartete Phänomen Pink Floyd immer ausgemacht hatte. Gilmour war dieser genialische Irrsinn eines Syd Barrett oder der selbstzerfleischende Seelenexhibitionismus eines Roger Waters fremd, er war Gitarrist, und er formte aus Pink Floyd eine fast normale Rockband. Unter anderem deshalb stehen die 3.0-Fans bei den Floyd-Diskussionen meist alleine da.

„The Endless River“ knüpft an das zweite von zwei Studioalben an, die in der Nach-Waters-Phase entstanden. Hatte „A Momentary Lapse of Reason“ in den Achtzigern noch versucht, einen kreativen Ansatz für ein Pink Floyd nach Roger Waters zu finden, war „The Division Bell“ aus dem Jahr 1994 die Kapitulation vor dieser Aufgabe. Eine Ansammlung selbstreferenzieller Belanglosigkeiten, von den Echoschleifengitarren aus der „Wall“-Zeit bis zu der „Shine on“-Atmosphäre in „Marooned“, die Mitte des Songs in einen Diskofoxschunkler übergeht, als ob man mit dem zweiten Teil Weird Al Jankovic beauftragt habe.

Die Reste dieser Aufnahmen sind nun auf „The Endless River“ zu hören, angereichert und aufgefüllt durch Gilmour und Schlagzeuger Nick Mason, das zweite verbliebene Bandmitglied. Bis auf einen Song ist alles instrumental, eine knappe Stunde lang. Der vor sechs Jahren verstorbene Keyboarder Rick Wright ist zu hören, er war 1994 auch dabei und steuert auf „The Endless River“ die Atmosphäre bei, auf der Gilmour seine Bluesrockschleifen dreht. Die viergeteilte Songlist sieht nach Konzeptalbum aus, aber mehr nicht. Auch diese Zeiten der großen Geschichten sind vorbei. Gelegentlich blitzt es mal auf, dieses Rauschhafte, bei dem auch ein Nachgeborener, der das für nette Ambientmusik alter Männer hält, eine leise Ahnung davon bekommt, was diese Band mal von allen anderen unterschieden hat.

Das Schlimme ist: Man ist nicht mal enttäuscht. Was hätte man erwarten sollen von Musik, die vor 20 Jahren aussortiert worden war? Und schlimmer als das Cover – ein Mann in einem Boot auf einem Meer aus Wolken – konnte es nicht kommen. Aber das eigentlich Bittere ist, dass die Musik keine Bilder mehr im Kopf entstehen lässt.

Wenn man sieht, mit welcher Hingabe heute junge Bands wie Riverside oder Okta Logue die alten Floyd-Inspirationen in neue, farbenreiche Musik umsetzen, dann graust es einen bei dem Gedanken, dass die Inspiratoren sich heute nur noch selbst recyclen. Sie haben die eigene Messlatte so hoch gesetzt. Jetzt könnten Gilmour und Mason huckepack drunter durchlaufen. So, als ob sie nicht genau wüssten, wo sie selbst hingehörten in diesem immer noch lebhaften Pink-Floyd-Universum, das schon seit Langem ohne sie existiert.

„The Endless River“ soll, so haben es Mason und Gilmour angekündigt, das letzte Studiowerk von Pink Floyd sein. Das ist leider die gute Nachricht.     

Brennpunkt und Pompeji

Wer Pink Floyd begreifen will, kommt an den Alben „Dark Side of The Moon“ (1973), „Wish you were here“ (1975) und „The Wall“ (1979) nicht vorbei – weder künstlerisch noch ihrer Verbreitung wegen: Zusammen wurden sie mehr als 100 Millionen Mal verkauft. Eine Art Skizzenbuch zu vielem, was später ausgearbeitet wurde, liefert „Meddle“ mit dem gut 20-minütigen „Echoes“ auf der B-Seite – das auch in dem völlig unterschätzten Konzertfilm „Live at Pompeii“ eine tragende Rolle spielt.

Noch weiter zurück, über das wuchtige, ebenso orchestrale wie experimentelle „Atom Heart Mother“ – das Album mit der Kuh drauf – landet man bei „The Piper at The Gates of Dawn“ aus dem Jahr 1967, man landet bei Syd Barrett, und man landet bei Musik, die damals Teil eines audiovisuellen Konzepts war und zu einem Gutteil auf Improvisationen basierte. Mit dem spannungsgeladenen „Astronomy Domine“, dem ersten Stück, kündigte die ARD seit den Siebzigern ihren „Brennpunkt“ an.      

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