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Kultur überregional Wie weit soll Kunst gehen?
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21:10 22.03.2014
Mehrere Demonstranten schwenken am Freitag während einer Demonstration vor dem Stadttheater in Konstanz die türkische Fahne. Die Menschen demonstrieren gegen das Theaterstück "Das Märchen vom letzten Gedanken", das im Stadttheater Konstanz erstmals aufgeführt werden soll. Quelle: dpa
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Konstanz

Die Demonstranten vor dem Konstanzer Theater bringen ihre Meinung deutlich zum Ausdruck: "Wir empfinden große Wertschätzung und Respekt vor dem Hintergrund, dass wir in einer Demokratie leben, die uns verfassungsspezifische Rechte gewährt", sagt Tugrul Aras, einer der Organisatoren der Protestaktion am Freitagabend. Auch Kunst- und Meinungsfreiheit fielen darunter. Aber: "Wir sind der Meinung, dass die Kunst eine gewisse Grenze hat."

Stein des Anstoßes: Ein Theaterstück über die Tötung von Armeniern während des Ersten Weltkrieges im Osmanischen Reich. Das Theater Konstanz zeigte am Freitag die Uraufführung. Die Inszenierung von Edgar Hilsenraths Roman "Das Märchen vom letzten Gedanken" schildert die Ereignisse von 1915/16 aus der Sicht eines Märchenerzählers, dessen Rolle gleich von mehreren Schauspielern übernommen wird.

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Der Erzähler beschreibt das Leben des Armeniers Thovma Khatisian (gespielt von Herbert Wegner) und macht ihn gewissermaßen zu einem Zeugen der Ereignisse von 1915/16. Damals wurden bis zu 1,8 Millionen Armenier aus Ostanatolien vertrieben. Die Osmanen sahen sie als Verbündete des Kriegsgegners Russland an.

Dem Zentrum gegen Vertreibungen in Wiesbaden zufolge starben bei den Deportationen fast 1,5 Millionen Menschen. Die heutige Türkei, in der nur noch eine kleine armenische Minderheit lebt, spricht von 200 000 Toten und weist den Vorwurf des Völkermords zurück.

Die Inszenierung, die unter der Regie von Mario Portmann nicht an deftigen Ausdrücken und derben Szenen spart, sorgte in Konstanz bereits einige Tage zuvor für Missstimmung. Das Stadttheater erhielt nach eigenen Angaben E-Mails mit der Forderung, das Stück abzusetzen.

Auch das türkische Generalkonsulat in Karlsruhe schaltete sich ein - mit der Bitte, vor den Vorstellungen über die gegensätzlichen Positionen zu den Ereignissen zu informieren. Der Nachfrage nach dem Stück scheint das nicht geschadet zu haben. Die Uraufführung begann am Freitag vor einem voll besetzten Theatersaal.

Die rund hundert Demonstranten vor dem Theater störten sich vor allem an den Werbeplakaten für das Stück: Sie zeigten die Füße eines am Boden liegenden Menschen, über dem ein weißes Tuch ausgebreitet ist. Darüber weht die türkische Flagge, Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wird mit den Worten zitiert: "In unserer Geschichte wurde kein Völkermord begangen."

Den Tod eines Unschuldigen könne man nicht auf diese Weise mit der Flagge einer Republik vereinen, meint Demonstrant Aras. Die künstlerische Freiheit sei auf Kosten der Menschenwürde ausgenutzt worden. "Das ist der Grund, warum wir uns versammelt haben."
 Es sei die Aufgabe der Kunst, den Finger in Wunden zu legen, meint dagegen Baden-Württembergs Europaminister Peter Friedrich (SPD), der die Aufführung am Freitagabend besuchte. "Ich glaube, es ist notwendig, dass sich eine Gesellschaft mit solchen Fragen beschäftigt. Und dass es aufwühlt, merkt man an der Demonstration."
 Theaterintendant Christoph Nix hatte die umstrittenen Plakate vor der Aufführung zwar entfernt - aus Respekt gegenüber der türkischen Gemeinde, wie er sagte. "Ich habe mich in dieser Situation deeskalierend menschlich verhalten." Er betont jedoch: "Kunst ist unermesslich frei." Mit dem Generalkonsul habe er kontrovers diskutiert. "Aber wir sollten keine juristische Auseinandersetzung führen, wenn es um Menschenleben in der Geschichte geht."

22.03.2014
20.03.2014
Stefan Arndt 19.03.2014