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Kultur überregional Zwölf Songs über die Liebe
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00:22 02.05.2015
Öffnen sich und lassen uns in ihr Leben: Die vier Herren von Tocotronic.
Öffnen sich und lassen uns in ihr Leben: Die vier Herren von Tocotronic. Quelle: dpa
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Hannover

Ein Album voller Liebeslieder wäre wohl das Letzte gewesen, was man von einer Band erwartet, die jahrelang als verkopft galt. Eine Band, die gern rebellierte, die sich stets abseits des Mainstream positionierte, und für die in Anlehnung an die Frankfurter Schule der Begriff der Hamburger Schule erfunden wurde. In der Folge suchten Kritiker in jeder Songzeile nach dem Überbau.

Mit dem Image ist das eben so eine Sache. Irgendwann klebt es an einem und wird lästig. Also hat Tocotronic sich freigeschrieben und bringt jetzt ein Album heraus, auf dem die Band von nichts anderem singen als von Liebe, Sex und Zärtlichkeiten, von Begehren, Obsession und Abhängigkeiten. Und das wunderbar unpolitisch.

Nur – und das ist der feine Unterschied zu vielen anderen Bands, die sich des Themas annehmen – Tocotronic ist dabei niemals platt. Sänger Dirk von Lowtzow bleibt der intellektuelle Geist, der im Interview zum neuen Album schon mal Foucault zitiert und sich in Gender-Theorien verliert. Das ist nun mal die Art des mittlerweile über 40-Jährigen, der im Video zu „Die Erwachsenen“, dem dritten Song des neuen Albums, mit großer Geste und grauen Schläfen davon singt, sich gesellschaftlichen Vorgaben und Zwängen stets zu widersetzen, sich nie erziehen zu lassen. Dabei eignet sich der Song genauso gut zum Dauerknutschen. Auch, dass ihr rotes Album – auf einen Titel wurde verzichtet – am 1. Mai, also dem Tag der Arbeit, erscheint, darf als ironische Geste gewertet werden. Denn es ist ja auch Frühling, womit man schon wieder beim Thema wäre.

Tocotronic: „Das rote Album“. Vertigo Berlin. Am 9. Oktober spielt die Band im Capitol Hannover. Karten an allen HAZ-Ticketshops.

Gleich im „Prolog“ singt von Lowtzow „Liebe wird das Ereignis sein“. Dabei hatte die Band auf ihrem Debüt „Digital ist besser“ 1995 noch überzeugend und entgegen allen Schlagerhitlisten festgestellt: „Über Sex kann man nur auf Englisch singen, allzu leicht kann’s im Deutschen peinlich klingen.“ Doch auch schon damals „gab es ein Verlangen zu beschreiben.“ 20 Jahre später wagt Tocotronic den Versuch.

In „Ich öffne mich“ wird die Ratio zunächst vollends beiseitegeschoben. Stattdessen stürmt und drängt es. Gitarren liegen schwer über einem durchgängig klimpernden Daumenpiano, das eine leichte Melodie vorgibt und den Song von der Melodramatik erlöst, die die düstere Stimme zunächst verspricht. „Ich öffne mich und lasse dich in mein Leben / Ich werde mich nicht mehr der Schwerkraft ergeben / Ich öffne mich, ich war zu lange gefangen“, singt von Lowtzow.

Hat da jemand erfolgreich eine Therapie absolviert? Fast klingt es danach. Körperlichkeit, sexuelle Bedürfnisse werden vorsichtig besungen: „Unter deiner Decke, ein freundlicher Empfang / Kannst du mich verstecken, damit ich leben kann?“ Zwischendurch geht es zwar zu wie in einem Albtraum, man wird gehetzt von Geistern und Ideen, doch am Ende heißt es wieder: „Jetzt will ich bei dir bleiben, bis der Tag anbricht.“

Selbst der alte „Rebel Boy“ sehnt sich im vierten Song nach Zweisamkeit und Zärtlichkeit. „Solidarität“ dagegen klingt so zart und beiläufig, dass man die Morgensonne spürt, die durchs Schlafzimmerfenster fällt. Die Ballade erzählt von Außenseitern, „mit irren Fratzen konfrontiert“. Und sie erzählt von Partnerschaft, von Treue und dem Beieinandersein. Genauso wie das schleppende „Spiralen“: „Ich drehe mich in Spiralen. Sie kreisen um Dich.“ Da gehen zwei Menschen ineinander auf, verschmelzen zu einem großen Ich. Dazu ein paar Bläser, Film- sowie Kunstzitate, und Tocotronic ist wieder ganz bei sich. Die Band jongliert mit den verschiedensten Stilen von The Smiths bis The Cure. Das Ergebnis ist Pop. Leicht und eingängig. Aber niemals einfältig.

Am Ende steht ein Hidden Track, der die nervösen Gitarren vom Anfang vergessen lässt. Stattdessen plätschert ein Bach, und Akustikgitarren begleiten den Hörer über elf Minuten durch ein Fantasieland. Man wandelt durch einen „modrigen vom Tau liebkosten Wiesengrund“ und gelangt am Ende zur Erkenntnis: „Pädagogisch wertlos war das Ergebnis dieser Nacht.“ Dafür hatte man mal wieder ein Date. Ein ziemlich romantisches sogar.

Von Nora Lysk

Daniel Alexander Schacht 28.04.2015
Mathias Begalke 28.04.2015