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Kultur überregional Pop mit Pathos
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13:39 03.11.2014
Quelle: Symbolbild
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Hannover

 Im Video zur Single „Scheinbar“ spielt die Band vor Schaufensterpuppen. Überall der Rückzug ins Private, alles egal, alles schön. Zu hören sind Zeilen wie: „Scheinbar geht es allen gut, ja, okay, man spuckt schon manchmal Blut.“ Am Ende dann tragen ein paar der Puppen die Kleider der Band. In Trümmern gibt es keine Helden. „Man ist Bestandteil eines Problems“, sagt Pötsch. Tocotronic nannten das früher einmal „Es gibt kein Leben ohne Schande“.

Im Lux-Klub lassen Trümmer die Musik für sich sprechen. Trümmer sind mit dem selbstbetitelten Debütalbum auf Tour. Man kann ihre Musik Diskurspop nennen. Das ist der Begriff, der aus der Schublade kommt, wenn Musiker weiter denken als von der Wand zur Tapete – und das auch in den Texten unterbringen. Pop-Rock mit Punkattitüde, vielleicht beschreibt man die Band so am besten.

Sänger Paul Pötsch sieht aus, das muss er sich öfter anhören, wie der junge Jochen Diestelmeyer von Blumfeld – oder eher wie eine auf Jockey-Größe geschrumpfte Version. Auf der Bühne hat diese Antithese eines Frontmanns eine bemerkenswerte Präsenz. Enge Lederjacke über dem weißen Shirt, das rotblonde Seitenscheitelhaar hängt schweißnass im Gesicht. Er springt und zappelt, zieht dann wieder, verletzlich, den Oberkörper zurück. Und ergeht sich doch nicht in Posen – was man in Lederjacke hinter dem Mikro auch erst mal hinkriegen muss.

„Ich will Straßen voller Schmutz“, singt Pötsch. Er engagiert sich in Hamburg für die „Recht auf Stadt“-Bewegung. Es geht um Vielfalt, Zugang und Lebensraum, der nicht bloß Kulisse ist.
Was für die Goldenen Zitronen die Hafenstraße war, das ist für Trümmer die Gated Community. Der umzäunte Raum also, ein Getto der Reichen, die nicht mehr in Kontakt treten wollen mit der Stadt. Trümmer sind sehr im Jetzt unterwegs. Pötsch lebt in St. Pauli, ist ein Künstler, dem jetzt die Wohnung gekündigt wurde. Er sitzt das aus („If you want to fuck the System / You have to fuck yourself“ aus „1000. Kippe“). Wenn er singt „Die Stadt zerfällt, Lethargie, Langweile“, dann singt er über das, was er da jeden Tag sieht. Zwischen den kaum bezahlten Jobs fürs Theater und den Innenstadtneubauten mit den bodentiefen Fenstern. Es geht nicht darum, dass man etwas machen kann. Es geht darum, dass man etwas machen muss.

Trümmer ist keine Hamburger Band, sagt Pötsch. Man lebe hier, ja, in dieser satten Stadt, in der alles schon formuliert, festgezurrt und optimiert sei. Mit der Hamburger Schule, mit Blumfeld und Konsorten, da muss man ihm deshalb auch gar nicht kommen. Schubladen sind das.

Dass nicht jeder Song auf einem Debüt ein Knaller ist, sondern auch mal über die Kitschgrenze springt und nach Revolverheld klingt, geschenkt. Vielleicht sind die Trümmer-Leute zu jung, um in ständiger Selbstreflexion sich und den anderen auf die Nerven zu gehen. Vielleicht sind sie auch einfach gut.

Am Ende jedenfalls die Zugabe. „Teenage Kicks“ von den Untertones, mit der schönen Zeile, die heute den Grabstein von DJ-Legende John Peel schmückt: „Teenage dreams, so hard to beat.“

Von Gerd Schild

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