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Kultur überregional Die Herzausreißerin
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20:05 02.11.2014
Starke Selbstgestalterin: Die bulgarische Mezzosopranistin Vesselina Kasarova.
Starke Selbstgestalterin: Die bulgarische Mezzosopranistin Vesselina Kasarova. Quelle: Andreas Klingberg
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Hannover

Die Sache mit den Stargästen hat so ihre Tücken. Das Haus ist voll, sicher, aber passt die eingeflogene Überfliegerin ins Ensemble? Stellt sie alle in den Schatten, fremd in einer Produktion, in die sie rasch eingewiesen wurde? Wer, um Himmels willen, ist einem Bühnentier wie Vesselina Kasarova gewachsen, der bulgarischen Mezzosopranistin, die vor 22 Jahren als Einspringerin für Marylin Horne in Salzburg steil jene Umlaufbahn erreichte, auf der man sie seither bestaunt? Welcher José hat das Format, diese Carmen als verzweifelt Liebender in den Tod zu reißen? Ein Koreaner aus Hannover?

Oh ja. Eben das machte diesen Abend groß, dass Philipp Heo ihn so klein begann, wie es der wackere Soldat José in Georges Bizets Oper anfangs auch ist. Nicht, dass es dem Tenor da an Stimme und Fokus gefehlt hätte, aber an Freiheit, er war befangen. So, wie es einer ist, der bis dahin die Liebe für die lautere Fortsetzung familiärer Geborgenheit gehalten hat und nun zum ersten Mal die Angst spürt, die dem ganz großen Herzensreißen vorausgeht. Oder eben auch dem ersten Auftritt mit einer wie Kasarova, die sofort voll da ist. Und sofort alle Spannungen spüren lässt, die Carmen so gefährlich machen.

Die hannoversche Inszenierung, sechs Jahre alt, ist ihr dabei nicht im Wege. Dass da in einheitlicher Gitteroptik keine neuen Perspektiven entstehen und die Personenführung im Grunde vertrauten Mustern folgt, lässt umso mehr Spielraum für starke Selbstgestalter wie Kasarova. Als Kerl tritt sie zuerst auf, in Uniform, aber auch im Rock wird sie nicht einfach zum zielführenden Vollweib. Maskenhaftes wechselt mit Explosivem. Man erlebt auch in der Stimme eine Frau, die mit großer Energie verbindet, was in ihr selbst auseinanderstrebt. Nicht geschmeidig und sinnlich klingt sie, sondern vor allem: unberechenbar.

Kasarova hat ein tiefes Register, in dem sie gaumig grollen kann, es ist der Raubtierkeller ihrer Stimme, die weiter oben auch bei großer Kraft nie einfarbig wird. Da sind Feuer und Stein zugleich, Sehnsucht und Trotz, und wenn sie jäh etwas ins piano verschwinden lässt, erschrickt man fast und fragt sich wie José: Wird sie jetzt ganz zärtlich oder besonders gemein? Dass manche Tonwechsel sehr kantig geraten, nicht nur zwischen den Registern, irritiert zuerst, doch immer mehr fasziniert die Persönlichkeit. Und das ist eben nicht die einer Sängerin, die hier nur mal eben „ihre“ Carmen vorführen will.

Vesselina Kasarova ist auch deswegen eine große Darstellerin, weil sie sich für die anderen interessiert, auf sie reagiert, und es ist enorm spannend, wie sie und Philipp Heo einander entdecken. Den Seitenblick, den sie José zuwirft, als sie ihn schon fallen gelassen hat, kann man nicht proben, er erzählt die Geschichte, die sie miteinander hatten, die an diesem Abend entsteht, weil hier ein Mann über sich hinauswächst. Er kämpft um sie, sein „Je t’aime“ glaubt man ihm, und zugleich hört man, dass auch Georges Bizet es ihm glaubt, der mitten im Ges-Dur ins renaissancehaft sakrale C-Dur einer großen Liebe schwenkt.

Einen Rivalen freilich hat José hier nicht wirklich. Es ist leider kein Regieeinfall, dass da ein eitler, abgehalfterter Torero die Treppe herabstolziert, der kein Kalb mehr zur Strecke bringen könnte. Carlo Álvarez, zur selben Generation zählend wie Kasarova und wie sie zu Hause an den großen Häusern der Welt, fehlt es mittlerweile an Tiefe, Höhe und Durchschlagskraft, wenn auch nicht an baritonaler Selbstgewissheit. Lieber lauscht man der trotz starkem Vibrato klaren, innigen Micaëla der Sara Eterno, den gewitzt lockeren, präsenten Halbweltlerinnen von Stella Motina und Hanna Larissa Naujoks.

Und dann ist da noch der dritte Star des Abends neben Carmen und José. Selten hört man die Partitur in solcher Vielschichtigkeit, wie das Niedersächsische Staastsorchester sie realisiert. Es federt und leuchtet nicht nur, es zeigt auch den Kontrapunktiker und Simultanisten Bizet, der genial die Stilebenen verschränkt. Unablässig präpariert Dirigentin Anja Bihlmaier Details heraus, ohne die große Liebe zu zerlegen: Zu Beginn des vierten Aktes hört man in den Holzbläsern Linien, die nicht einfach legato sind, sondern schmerzvoll über sich hinausdrängen. Das kann nur zum Tod führen. Und zu einem großen Erfolg.

Den nächsten festlichen Opernabend gibt es am 10. Januar. In „Tosca“ treten der Tenor Neil Shicoff und der Bariton Bryn Terfel auf.

Von Volker Hagedorn

Ronald Meyer-Arlt 02.11.2014
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