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Kultur überregional Villazón und Matshikiza glänzen mit Belcanto
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00:24 30.11.2014
Von Rainer Wagner
Rolando Villazón begeisterte im Kuppelsaal sein Publikum.
Rolando Villazón begeisterte im Kuppelsaal sein Publikum. Quelle: Rainer Dreose
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Hannover

Dass allerdings der Kuppelsaal längst nicht ausverkauft war, dass man die oberen Ränge mit Vorhängen abdecken musste, was vielleicht der Optik, aber gewiss nicht der Akustik dient, verblüffte dann doch. Lag es an selbstbewusst kalkulierten Eintrittspreisen, die aber bei Weitem nicht die Netrebko- oder Pavarotti-Höchstmarke erreichten? Fürchteten Opernfreunde nach Villazóns überwundener Stimmkrise, der Held sei vielleicht sein Geld nicht wert? Oder zu viel Showgetue?

Ein bisschen Skepsis ist nach leidvoller Erfahrung angebracht, wenn das Programmheft doppelt so teuer, dreimal so bunt und viermal so groß im Format ist wie ein normales Pro-Musica-Programmheft. Dahinter steckt als Tourneeveranstalter „U Live“ – und damit der Versuch der großen Plattenfirma Universal, nicht nur mit Tonträgern (was zunehmend schwierig wird), sondern auch mit Konzertveranstaltungen Geld zu verdienen; Pro Musica ist bei diesem Sonderkonzert nur der lokale Veranstalter.

Universal mit seinen Traditionsnamen Deutsche Grammophon und Decca hat einen Ruf zu verlieren und strengt sich entsprechend an. Das beginnt damit, dass hier alle Gesangstexte samt Übersetzung nachzulesen sind. Und das endet damit, dass man dem Star seriöse Partner zur Seite stellt.

Man muss die Philharmonie Bohuslav Martinu (die sich FBM abkürzt) aus dem Städtchen Zlín in Tschechien nicht unbedingt kennen, aber die Visitenkarte, die das nicht allzu üppig besetzte Orchester im Kuppelsaal ablieferte, konnte sich sehen lassen. Dirigent Guerassim Voronkov sieht aus, wie sich die Macher der Sendung mit der Maus einen Maestro vorstellen dürften (als Mischung aus D’Artagnan und Albert Einstein), und erwies sich als grundsolider Kapellmeister, der die Ouvertüre zu Jules Massenets wenig bekannter Oper „Le Roi de Lahore“ sehr pointiert anstimmen ließ. So konzentriert, klangschön in den Celli-Soli und bei den Solobläsern und punktgenau bei den Streichern, musizierten die Tschechen den ganzen Abend.

Schon die Einleitung signalisierte, dass hier nicht die üblichen Rosinen aus dem Opernkuchen serviert werden sollten, sondern durchaus Abseitigeres, weniger oft Gehörtes. Das kann man clever nennen, weil es allfällige Vergleiche vermeidet. Oder innovativ.

Den Vergleich bei den bekannteren Arien und Duetten mussten weder Villazón noch die agile Sopranistin Pumeza Matshikiza fürchten. Er beginnt mit einer baritonal weich eingehüllten Arie  aus Massenets „El Cid“, sie folgt mit der dunkel timbrierten „Élégie“, ebenfalls von Massenet. Die Südafrikanerin tönt wie eine höhergelegte Mezzosopranistin, aber sie hat nicht nur für die Verdi-Arie aus dem „Falstaff“ auch eine sichere Höhe zu bieten – und verblüfft durch einen fast bruchlosen Übergang zwischen den Stimmregistern.

Natürlich kommt der Verismo-Ton, den Komponist Francesco Cilea in seiner Arie „É la solita storia del pastore“ vorlegt, der offenen bis offensiven Tongebung Villazóns entgegen. Das Stilmittel der Messa di voce, das An- und Abschwellen des Tons, setzt er eher behutsam ein, er bleibt der Tenor der sympathischen Überwältigung. Aber wenn er zusammen mit seiner reaktionssicher anpassungsfähigen Partnerin das Duett „O soave fanciulla“ aus Puccinis „Bohème“ anstimmt, dann schmiegen sich die Stimmen stimmungsgemäß aneinander – und sichern so den Jubel, mit dem sie in die Pause gehen.

Danach geht es lustiger weiter, kommt der bekennende Clown Rolando Villazón (der in dieser Rolle gerne alle Talkshows unsicher macht) zu seinem Recht. Wenn er als Nemorino auf die Wirkung seines „Liebestranks“ setzt, dann greift er erst zum Dosenbier, dann zu Jonglierbällen und zum Jojo. Aus einem Putzlappen faltet er eine Puppe. Und entfaltet allen Spielwitz. Da kann Pumeza Matshikiza nur noch staunen. Natürlich darf die „furtiva Lagrima“ nicht fehlen, die „verstohlene Träne“, die Nemorino beschwört. Diese Arie gehört zu Villazóns Hits. Und er bleibt ihr auch hier nichts schuldig. Mögen HNO-Ärzte im Publikum auch geringfügige Sprödigkeiten heraushören, Villazón dementiert eindrucksvoll das Gerücht, er wende sich deshalb der Opernregie zu, weil die Stimme doch nicht mehr strapazierfähig genug sei.

Wenn er sich dann der Zarzuela widmet, der spanischen Operette mit dem Hang zur opernhaften Gefühlstiefe, dann ist er zusammen mit seiner Sopranpartnerin auf der Zielgeraden zum Sieg. Das ist schwungvoll, auch wenn er eher zu getrageneren Tempi als sein Vorbild Placido Domingo neigt, und das reißt auch nüchternere Norddeutsche mit.

Entsprechender Jubel, auch im Stehen. Dafür bedanken sich die beiden Solisten mit vier Zugaben: noch einmal Zarzuela, „Tonight“ aus Bernsteins „West Side Story“, als Huldigung an Pumeza Matshikizas Heimat Südafrika Miriam Makebas „Pata Pata“ und ganz zum Schluss das offenbar unvermeidliche Trinklied aus Verdis „La Traviata“. Da wagt Villazón gar den Sprung vom Podium und ein kleines Tänzchen mit einem weiblichen Fan aus der ersten Reihe.
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