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Kultur überregional Walter Kirn stellt neues Buch vor
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00:18 21.11.2014
Von Martina Sulner
Christian Karl Gerhartsreiter alias Clark Rockefeller (l.) ist die Hauptfigur in Walter Kirns neuem Buch „Blut will reden“.
Christian Karl Gerhartsreiter alias Clark Rockefeller (l.) ist die Hauptfigur in Walter Kirns neuem Buch „Blut will reden“. Quelle: dpa
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Sie kannten sich gut 15 Jahre lang. Ende der neunziger Jahre war US-Autor Walter Kirn Clark Rockefeller das erste Mal begegnet. Der Spross einer der reichsten Familien der USA lebte in New York, er arbeitete als Unternehmensberater, sammelte Kunst, war an mehreren Firmen beteiligt und Mitglied in ehrwürdigen Klubs an der Ostküste. Die beiden Männer freundeten sich an.

Aber was heißt schon kennen? Das fragt sich Kirn in seinem Buch „Blut will reden“. Der Mann, den der Journalist und Autor 1998 kennenlernte, entpuppt sich Jahre später als Hochstapler – und Mörder. 2013 klagte das „Volk der Vereinigten Staaten von Kalifornien gegen Christian K. Gerhartsreiter, alias Christopher Chichester, alias Christopher Crowe, alias C. Crowe Mountbattan, alias Clark Rockefeller, alias Charles ‚Chip’ Smith“. Jeder dieser Namen steht für einen Abschnitt im Leben des Betrügers, dessen Geschichte so schillernd ist, dass man sie kaum glauben kann.

Geboren wurde Christian Karl Gerhartsreiter 1961 in Bayern; als 17-Jähriger reist er in die USA und lebt eine Weile als Austauschschüler an der Ostküste. Später geht der Meister der Selbstinszenierung nach Los Angeles, will als Drehbuchautor in Hollywood Fuß fassen. Zu dem Zeitpunkt hat er seinen deutschen Namen abgelegt und nennt sich Chris Chichester. Um an eine Aufenthaltserlaubnis zu kommen, hat er eine junge Amerikanerin geheiratet; die Ehe wird nach kurzer Zeit geschieden.

Buchtipp

Walter Kirn: „Blut will reden“. Deutsch von Conny Lösch. Verlag C.H. Beck. 283 Seiten, 19,95 Euro.

In Los Angeles verschwindet Chris Chichester. Irgendwann taucht er in New York wieder auf – als Clark Rockefeller. Er halte sich von der berühmten Familie fern, behauptet er, es habe da ein Zerwürfnis gegeben. Der Mann lebt in New York, später in New Hamsphire, erfreut sich – während seine Gattin arbeitet – an den (wie sich später herausstellt: gefälschten) Kunstwerken von Mark Rothko und Jackson Pollock in seinem Wohnzimmer und pflegt kranke Hunde. Zwischendurch schreibt er, so erzählt er es Kirn, den einen oder anderen Roman.

Die etwa gleichaltrigen Männer haben mal engeren, mal losen Kontakt. Dann erfährt der Autor, dass gegen seinen Bekannten Anklage erhoben wird: wegen zweifachen Mordes. In Los Angeles hat er Mitte der achtziger Jahre das Ehepaar Joshua und Linda Sohus getötet, in deren Gartenhaus er eine Weile lebte. Die zerstückelte Leiche des Mannes wurde gefunden; Lindas Leiche blieb spurlos verschwunden.

Mit wem war er da eigentlich befreundet? Und aus welchen Gründen? Das fragt sich Kirn, als er 2013 von der wahren Identität seines Bekannten erfährt und den Prozess gegen ihn beobachtet. Der Autor, der mehrere Romane und die Drehbücher für „Thumbsucker“ und den George-Clooney-Film „Up in the Air“ geschrieben hat, geht diesen Fragen in seinem Buch „Blut will reden“ nach. Im Untertitel heißt es „Eine wahre Geschichte von Mord und Maskerade“. Sie handelt zum einen von den Täuschungen des gebürtigen Deutschen. Der ist wohl, diese Interpretation legt Kirn nahe, ein pathologischer Lügner, dabei extrem schlau und wandlungsfähig. Seine größte Begabung sei es, „die Gutgläubigkeit anderer auszunutzen, ihre Wunschvorstellungen und ihre Bereitschaft zur Selbsttäuschung“.

Denn in dem gradlinig und spannend geschriebenen Buch erzählt der Autor zum anderen auch davon, wie er auf diesen Mann hereinfallen konnte. Als Außenstehender kann man das kaum verstehen: Der vermeintliche Rockefeller erzählt hanebüchenen Angebergeschichten; angeblich schwimmt er in Geld, aber manchmal gibt es bei ihm nichts zu essen. Er ist kein charmanter Hochstapler, wie ihn Leonardo DiCaprio in „Catch me if you can“ spielt. Vielmehr wirkt er auf Fotos verdruckst und nicht sonderlich attraktiv.

Doch wahrscheinlich ging es den meisten Menschen ähnlich wie Walter Kirn: Er versprach sich etwas davon, die Bekanntschaft des reichen Rockefellers zu machen – Geld, Kontakte, vielleicht eine gute Geschichte für einen neuen Roman. Da sah er dann über manche Ungereimtheiten in Clarks Geschichten hinweg.

Christian Gerhartsreiter sitzt lebenslang für die zwei Morde hinter Gittern. Das Motiv für die Tat, die er bis heute bestreitet, ist unklar. Zu Beginn des Buches wirkt er wie ein durchtriebener Betrüger. Am Ende schaudert es den Leser vor einem unergründlichen Psychopathen. „Er war“, schreibt Kirn, „ein Kannibale der Seele.“

Autorengespräch

Am Donnerstag, 20. November, um 20.15 Uhr ist der Autor zusammen mit Schauspieler Dietmar Bär Gast im Literarischen Salon Hannover, Königsworther Platz.

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