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Kultur überregional Tucholsky in aller Munde
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00:15 11.01.2015
Von Johanna Di Blasi
Quelle: Montage HAZ
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Berlin

Am Freitag jährt sich Kurt Tucholskys Geburtstag zum 125. Mal. Wenige Tage sind vergangen, seit vermummte, schwer bewaffnete Täter die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ in Paris stürmten, zwölf Menschen hinrichteten - und nicht nur die französische Nation in Entsetzen versetzten. Es wird mit Kalaschnikows geschossen und „Allah“ gerufen, weil klar als Satire erkennbare Comics angeblich etwas Heiliges verletzen.

„Gute Leute! Nicht schießen!“ und „Die Würde muss es sich gefallen lassen, dass sie manchmal am Bart gezupft wird“, sind Aussagen von Tucholsky. Und natürlich: „Was darf Satire? Alles!“ Der Satz wird jetzt gern zitiert.

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Darf Satire alles?

Wenn die Meinungsfreiheit in Gefahr ist, wird geradezu reflexhaft Tucholsky zitiert. Auch von Politikern. Der Berliner Journalist Friedhelm Greis, der im Internet den Tucholsky-Blog sudelblog.de unterhält, warnt aber vor mangelnder Differenzierung. Tucholskys Satire-Verständnis sei keineswegs auf das „sie darf alles“ reduzierbar. „Vor allem in religiösen Fragen unterschied er klar zwischen den geistigen Inhalten und den daraus entspringenden gesellschaftlichen Ansprüchen der Religionen“, sagt Greis.

Juden nahm Tucholsky, Sohn eines leitenden jüdischen Bankangestellten, scharf in die Kritik. Bis in die jüngste Zeit hat das die Rezeption seiner Schriften in Israel gelähmt. Peter Böthig, Leiter des Kurt-Tucholsky-Literaturmuseums Rheinsberg, kann sich nicht entsinnen, jemals eine hebräische Tucholsky-Übersetzung in den Händen gehalten zu haben. Tucholsky kritisierte die deutschnationale Gesinnung mancher Juden, er karikierte aber nicht den jüdischen Gott. „Tucholsky hat sich immer genau überlegt, was er erreichen will“, sagt Greis. „Buddha entzog sich seiner Ansicht nach gänzlich der Satire. Hier bestand für Tucholsky eine Grenze der Satire nach oben. Daneben gab es für ihn auch eine Grenze nach unten. Zu den Nazis sagte er: ,So tief kann man nicht schießen“.

Ein Anwalt für eine freie Welt

Auch wenn „Was darf Satire? Alles“ etwas scharf zugespitzt ist, eignet sich Tucholsky wie kaum ein Zweiter als Anwalt für eine freie Welt. Als einer der scharfkantigsten Autoren der Weimarer Zeit nahm er sich die Freiheit der Rede. Tucholsky hat für seine Überzeugungen persönliche Nachteile in Kauf genommen. Er starb im schwedischen Exil. Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten versteckte sich der Autor, dem die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen worden war und dessen Bücher auf NS-Scheiterhaufen brannten, in Skandinavien. Seine Post wickelte er über Zwischenadressen ab. Gleichwohl kannten die Nationalsozialisten seinen Aufenthaltsort, wie man heute weiß. Als kranker und desillusionierter Mann starb der Autor mit 45 Jahren an einer Überdosis Veronal mit Alkohol. Ob aus Absicht oder Versehen, ist ungeklärt.

Als 1912 die Reise-Idylle „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“ erscheint, ist die Welt für ihn noch in Ordnung. Tucholsky ist Anfang 20, verliebt. Er schildert dort eine Landpartie samt Schlossbesichtigung und Bootsfahrt. Zwei Liebende necken sich, sie nennt ihn „Affgen“. In dem leichtfüßigen Büchlein erkannte sich die bürgerliche Großstadtjugend in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wieder, die unbekümmert und frei von Zwängen leben wollte.

„Soldaten sind Mörder“

Den Krieg erlebte der junge Literat als Soldat. Die idyllische Stimmung verfliegt, der Humor bleibt. Tucholsky wird Gesellschaftssatiriker. Je nach Stimmung und Inhalt nutzt er Pseudonyme wie Peter Panter, Theobald Tiger, Ignanz Wrobel oder Kaspar Hauser. Seine Bühne ist „Die Weltbühne“, eine kritische Zeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft. Dort erscheint Tucholskys Satz: „Soldaten sind Mörder“.

In den Zwanziger- und beginnenden Dreißigerjahren bewegt sich der Autor als Journalist in einem Umfeld von Whistleblowern der Weimarerer Zeit. „Die Weltbühne“ entlarvt beispielsweise die heimliche Aufrüstung der Reichswehr. Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft sieht ihren Namensgeber in einer geistigen Nähe zu Gestalten wie dem US-Whistleblower Edward Snowden oder dem Journalisten Glenn Greenwald. Der Vorsitzende der Gesellschaft, Ian King, erinnert an die Tucholsky-Aussage: „Im Übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.“

Verhasster Freidenker

Tucholsky machte sich Feinde in unterschiedlichen politischen Lagern und Konfessionen. Von der Nazipresse wurde er als „galizischer Juden und Bolschewist“ beschimpft. Die katholische Rheinische Volkszeitung schimpfte: „Tucholsky ist Unkraut“. Auch ein Teil der Juden hasste den Freidenker. Der jüdische Religionsphilosoph Gershom Scholem nannte Tucholsky einen der „begabtesten und widerwärtigsten jüdischen Antisemiten“. Die Kritiker beließen es freilich bei der Wortattacke.

Alles Tucholsky-Sätze?

Diese Sätze wurden Tucholsky oft zugeschrieben, sind aber nicht von ihm:


  • „Gesetze sind Jungfrauen im Parlament, aber Huren vor Gericht.“
  • „Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.“
  • „Chanson ist Welttheater in drei Minuten.“
  • „Der Horizont des Berliners ist längst nicht so groß wie seine Stadt.“
  • „Sie dachten, sie seien an der Macht, dabei waren sie nur an der Regierung.“
  • „Wenn Wahlen etwas änderten, wären sie längst verboten.“
  • „Wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein.“     

Diese Sätze hingegen sind von ihm:

  • „Die Grausamkeit der meisten Menschen ist Fantasielosigkeit und ihre Brutalität Ignoranz.“
  • „Dies ist die wahrste aller Demokratien, die Demokratie des Todes.“
  • „Der schönste Schmuck für einen weißen Frauenhals ist ein Geizkragen.“
  • „In der Ehe pflegt gewöhnlich immer einer der Dumme zu sein. Nur wenn zwei Dumme heiraten – das kann mitunter gut gehn.“ ,
  • „Was die Kirche nicht verbieten kann, das segnet sie.“
  • „Denn das ist Humor: durch die Dinge durchsehen, wie wenn sie aus Glas wären.“     
08.01.2015
Stefanie Gollasch 07.01.2015
07.01.2015