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Kultur überregional Welttag des Buches feiert Erfolg der Klassiker
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18:27 22.04.2013
Von Martina Sulner
Leo Tolstoi zählt zu den älteren Klassikern. Quelle: Archiv
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Hannover

Vor starken Worten schreckt Thomas Zirnbauer nicht zurück. Er lese viel und gern Gegenwartsliteratur, sagt der Sprecher des Deutschen Taschenbuch Verlags (dtv), doch wenn er einen Klassiker lese, sei das „wie eine reinigende poetische Dusche“. Dann habe er es mit Texten zu tun, deren Qualität sie über die Jahrhunderte getragen habe, schwärmt der Münchener. Mit seiner Liebe zum Altbewährten steht Zirnbauer nicht allein: Die Klassiker - vor allem die Neuübersetzungen alter Erfolgsromane - spielen im deutschen Buchmarkt eine große Rolle.

Heute, am Todestag William Shakespeares und Miguel de Cervantes’, ist der Welttag des Buches. 1995 hat die Unesco diesen Feiertag für die Literatur ins Leben gerufen. Cervantes’ „Don Quijote von der Mancha“ gehört zu jenen Romanen, die zahlreiche Leser als reinigende poetische Dusche empfinden mögen. Zumindest wird die Neuübertragung von Susanne Lange, die 2008 im Münchener Hanser Verlag erschien, weithin geschätzt. Seit 13 Jahren bringt der Verlag Neuübersetzungen auf den Markt und erzielt enorme Verkaufserfolge. „10000 Exemplare schaffen wir immer“, sagt Sprecherin Christina Knecht. In einem Land, in dem jährlich an die 100000 Titel erscheinen, ist der Erfolg der neuen Alten beachtlich. „Die laufen besser, als man denkt“, sagt auch Dirk Eberitzsch von der hannoverschen Buchhandlung Leuenhagen & Paris.

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Angestaubte Sprache gegenwärtig übersetzt

Als Kiepenheuer & Witsch vor einigen Jahren J. D. Salingers modernen Klassiker „Der Fänger im Roggen“ in neuer Übertragung veröffentlichte, verkaufte sich der Titel im ersten Jahr sogar 25.000-mal. Über die Fassung von Heinrich Böll aus den fünfziger Jahren sei, so Kiepenheuer-Sprecherin Gudrun Fähndrich, die Zeit hinweggegangen. Vieles habe angestaubt und prüde geklungen. Wo es bei Böll zum Beispiel heißt: „Vermutlich besaß der Lümmel überhaupt kein Taschentuch“, übersetzt Eike Schönfeld: „Ich glaube, der Arsch hatte gar kein Taschentuch, wenn ihr’s genau wissen wollt.“ Das klingt in der Tat gegenwärtiger.

Neuübersetzungen, so dtv-Sprecher Zirnbauer, müssten dabei nicht angestrengt den Text modernisieren, sondern eine dem Heute angemessene Sprache finden: „Das erleichtert neuen Lesern den Zugang zu Klassikern.“

Leser haben Bedürfnis nach Bewährtem

Solche Klassikerpflege betreiben zahlreiche Verlage: Manesse etwa macht immer wieder mit schön gestalteten, sorgfältig übersetzten Ausgaben Furore; seit 2008 erscheint die „Reclam Weltbibliothek“ in modern gestalteten Hardcoverausgaben; Diogenes bringt regelmäßig Neuausgaben heraus, in den vergangenen Jahren etwa die Romane F.Scott Fitzgeralds und von Carson McCullers.

„Das Bedürfnis der Leser nach kanonisierten Texten ist groß“, sagt Christina Knecht. In einer unüberschaubaren Bücherwelt, in der in jeder Saison vermeintliche Sensationen entdeckt werden, gibt es ein großes Bedürfnis nach dem Bewährten, nach bekannten Namen. Zudem dienen Klassiker auch der kulturellen Selbstvergewisserung.

Ausstattung der Bücher immer wichtiger

Doch den Mechanismen des Buchmarkts sind die Verlage auch mit diesen Titeln unterworfen. Sprich: Die Verlage müssen einiges unternehmen, damit man ihre Neuausgaben wahrnimmt. Ein ausführliches Vor- oder Nachwort und editorische Notizen seien mittlerweile Standard, sagt Thomas Zirnbauer. Entscheidender Erfolgsfaktor, sagt Christina Knecht, sei auch die Ausstattung: „Das Buch muss nicht in Leder gebunden sein, aber schön, edel und ansprechend gestaltet.“ Das sei nicht gerade preiswert, aber „unsere Ausgaben richten sich an eher kaufkräftige Leser“.

Die Verlage schätzen es besonders, wenn sie ihre Neuausgaben zu einem Jubiläum auf den Markt bringen (können). Die Neuübersetzungen von Leo Tolstois „Anna Karenina“ und „Krieg und Frieden“ (Hanser) haben vom Medieninteresse rund um den 100. Todestag des Autors profitiert. Die Verfilmung von „Anna Karenina“ mit Keira Knightley, heißt es bei dtv, wo Rosemarie Tietzes Übersetzung mittlerweile als Taschenbuch vorliegt, habe den Verkauf zusätzlich befördert.

Verkaufsschlager oft in mehreren neuen Übertragungen

Ein ähnlicher Effekt ist zu erwarten, wenn demnächst Baz Luhrmanns Verfilmung von „Der große Gatsby“ mit Leonardo Di Caprio in die Kinos kommt. Fitzgeralds Roman ist sowieso ein Verkaufsschlager, der gleich in mehreren neuen Übertragungen renommierter Übersetzer vorliegt. Solche Konkurrenz scheint bei dem Longseller nicht zu schaden: Bei dtv ist der neuübersetzte „Gatsby“ jetzt in die vierte Auflage gegangen.

Ob alle Leser so genau zu unterscheiden wissen, mit welcher Übersetzung sie es zu tun haben, mag man allerdings anzweifeln. Wer bewusst zur schicken Dünndruckausgabe mit Lesebändchen greift, dürfte sich klar darüber sein, was er kauft. Aber von internationalen Klassikern kursieren im Handel oft diverse Ausgaben, die ihre beste Zeit manchmal schon hinter sich haben. Das gilt besonders für Schnäppchen - auch von E-Books - bei Internethändlern oder auf Grabbeltischen.

Die deutschen Klassikerausgaben erlangen meist weniger Aufmerksamkeit als eine prominent beworbene Neuübersetzung aus dem Englischen, Französischen oder Russischen. In den nächsten Monaten jedenfalls kommen wieder zahlreiche Neuübertragungen in den Handel: Ernest Hemingways „Fiesta“ (Rowohlt) ist für Juli angekündigt; im Herbst bringt Hanser Robert Louis Stevensons „Die Schatzinsel“ auf den Markt; bei Manesse, wo gerade Upton Sinclairs „Öl“ neu übersetzt wurde, ist Edith Whartons „Dämmerschlaf“ angekündigt. Und bei Kiepenheuer & Witsch erscheint Mitte Juni die neue Übertragung von Nick Hornbys „Fever Pitch“. Der moderne Klassiker ist gerade mal 20 Jahre alt.