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Kultur Afghanistan: Und plötzlich war Krieg
Nachrichten Kultur Afghanistan: Und plötzlich war Krieg
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16:24 22.12.2011
Von Vivien-Marie Drews
„Sterben für Kabul“ – ein Journalist beschreibt, was deutsche Soldaten seit zehn Jahren in Afghanistan durchstehen. Quelle: dpa
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Die Geschichte beginnt vor zehn Jahren. Am 22. Dezember 2001, zwei Tage vor Heiligabend, beschließt der Deutsche Bundestag, bewaffnete Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan zu schicken – in einen sogenannten Stabilisierungseinsatz. Von Krieg wird erst sehr viel später die Rede sein.

Zehn Jahre, nachdem die ersten deutschen Soldaten am Hindukusch gelandet sind, erklärt der Journalist Marco Seliger in seinem Buch „Sterben für Kabul – Aufzeichnungen über einen verdrängten Krieg“, wie Deutschland in den Krieg stolperte, und schildert, was Bundeswehrsoldaten in Afghanistan erleben. Das ist harte Kost.

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Seliger ist Chefredakteur des sicherheitspolitischen Magazins „loyal“, er schreibt für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, und nicht zuletzt ist er Reservist – Soldat auf Abruf. Seine Schilderungen über den mitunter hoffnungslosen Auftrag deutscher Soldaten, in dem Wirrwarr zwischen Paschtunen, Tad­schiken, freiheitsliebenden Stammesfürsten und skrupellosen Aufständischen Ordnung herzustellen, sind drastisch. Er schreibt von Selbstmordattentätern, die deutschen Soldaten ins Gesicht grinsten, bevor sie im nächsten Augenblick versuchten, sie mit einem Sprengsatz in den Tod zu reißen. Er berichtet von jungen Männern, die optimistisch und auch ein bisschen leichtfertig für die Bundesrepublik Deutschland in den Einsatz gingen und deren Körper von Sprengsätzen in Stücke zerfetzt wurden. Er erzählt von deutschen Soldaten, die – von der Angst zerfressen, in wenigen Sekunden selbst sterben zu müssen – das Feuer auf heranrasende Autos eröffneten und Augenblicke später begreifen mussten, dass unschuldige Kinder und Frauen durch ihre Kugeln ums Leben gekommen waren. Seliger beschreibt eine nahezu gelähmte Bundeswehr. Eine Armee, deren Soldaten jahrelang Truppenübungsplätze verwalteten, die dann plötzlich für den Krieg taugen musste und im Einsatz nun an ihren eigenen Regeln und Vorschriften zu kollabieren droht. Detailliert schildert der Journalist die verheerenden Ereignisse in einer Nacht im September 2009, in der gleich mehrere Versäumnisse zu einem fatalen Ende führen sollten: Damals befahl der deutsche Oberst Georg Klein einen Luftangriff auf zwei Tanklaster, mehr als hundert Zivilisten kamen dabei ums Leben.

Für seine Recherche reiste der 39-jährige Seliger immer wieder nach Afghanistan und begleitete deutsche Soldaten. Er hat Gespräche mit Verwundeten und ihren Angehörigen geführt und mit militärischen Vertretern wie etwa dem General a. D. Egon Ramms. Er habe ein Buch schreiben wollen, das erklärt, „was eigentlich los ist in Afghanistan“, sagt Seliger. Verständlich und ungeschönt. In Richtung Berlin formuliert er einen klaren Vorwurf. Die Politik halte an einem Trugbild vom fortschreitenden Aufbau in Afghanistan fest – auf Kosten der Soldaten, die in diesem Krieg ihr Leben riskieren. Ein bedrückendes Buch.

Marco Seliger: „Sterben für Kabul – Aufzeichnungen über einen verdrängten Krieg“. Verlag Mittler & Sohn. 224 Seiten, 19,95 Euro.

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