Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Kultur Albrecht Hirche über seine Kafka-Inszenierung
Nachrichten Kultur Albrecht Hirche über seine Kafka-Inszenierung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:15 21.09.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Regisseur Albrecht Hirche spricht über seine Inszenierung von Kafkas „Der Prozess" und seine Erfahrungen aus dem Bereich des freien Theaters. Quelle: Gabriel Poblete Young
Anzeige
Hannover

Sie inszenieren am Schauspiel Hannover Kafkas Roman „Der Prozess“. Haben Sie Angst vor dem Stoff?

Nein. Warum sollte ich?

Anzeige

Weil das Theater hier doch nur verlieren kann. Schließlich muss das Theater Dinge sicht- und greifbar machen, die bei Kafka mit gutem Grund ungreifbar sein sollen.

Zuerst mal muss ich sagen, dass man mit Angst nirgendwo weit kommt. Vielleicht wird mein Zugang zum Roman deutlich, wenn ich die Bühne beschreibe: Wir spielen auf der Cumberlandschen Bühne. Da gibt es auf der Spielfläche links so einen Kubus, durch den die Schauspieler auf die Bühne gelangen. Den habe ich für die rechte Seite nachbauen lassen. Dazwischen gibt es einen teppichartigen Vorhang, hinter den Leute verschwinden können. Die Zuschauer werden möglicherweise das Gefühl haben, dass sie eigentlich nur die Vorbühne sehen. Die ganze Welt, um die es hier geht, bleibt eher im Verborgenen hinter der Wand.

Ein alter Theatertrick: Das, was zu groß ist, um gezeigt zu werden, verschwindet hinter dem Vorhang.

Natürlich. Aber das muss ja nicht schlecht sein. Ich bin der Meinung, dass sich „Der Prozess“ wunderbar fürs Theater eignet. Und ich habe schon viele Romane auf die Bühne gebracht.

Ihre jüngste Arbeit für die Cumberlandsche Bühne war „Fegefeuer“von Sofi Oksanen. Diesem Roman sind Sie mit starkem Stilwillen zu Leibe gerückt. Der Roman spielt in Estland, und Sie haben überall estnische Folklore eingesetzt.

Es zeichnet mich ja nun mal aus, dass ich ein großer Formalist bin.

Ist es auch bei Kafkas „Prozess“ so, dass man eine Idee braucht, über die man dann das ganze Werk erzählen kann?

Nein, eine Idee ist zu wenig. Die Inszenierung setzt sich selbstverständlich aus verschiedenen Ideen zusammen, und im Idealfall ergibt sich dann ein etwas poröses Gesamtbild. Ich gehöre nicht zu denen, die einer einzigen flippigen Idee nachgehen und die dann mit aller Gewalt umsetzen. Wenn ich einen Roman auf die Bühne bringe, versuche ich immer, in das Buch hineinzuhören. Bei der Lektüre und bei den Proben ist mir aufgefallen, dass „Der Prozess“ immer größer wird, je länger man sich mit ihm beschäftigt. Kafka geht deutlich über das hinaus, was wir heute so als unheimlich empfinden.

Im zeitgenössischen Theater gibt es ein paar Konventionen beim Spielen von Romanen. Man hat einen Einheitsraum, jeder Schauspieler stellt mehrere Figuren des Romans dar, man wechselt zwischen Spiel und Erzählung.

Das wird hier auch so sein. Was auch ganz gern gemacht wird, das ist, die Hauptfigur auf mehrere Darsteller zu verteilen. Bei uns aber wird es den Helden als Identifikationsfigur geben. Nur ein Schauspieler spielt Josef K.: Henning Hartmann.

Das wird wieder eine Produktion, bei der alles in einer Hand liegt. Sie führen Regie und haben die Bühne und die Kostüme entworfen. Dulden Sie keine anderen Künstler neben sich?

Ein Grund spricht auf jeden Fall dafür, das alles selbst zu machen: Ich kann das. Nach zwanzig Jahren Off-Theater-Erfahrung kennt man sich eben in allen Bereichen aus. Und im Off-Theater gab es schlicht keinen Bühnenbildner und keinen Kostümbildner. Letztlich haben alle immer alles gemacht. Daher habe ich keine Berührungsängste. Manchmal ist mir diese Ämterhäufung sogar ein bisschen peinlich. Ich will ja niemandem die Arbeit wegnehmen.

Trotzdem machen Sie es.

Es hat sich eben so ergeben. Vor ein paar Jahren hatte ich einige Angebote an kleineren Bühnen wie Halle oder Oldenburg. Der Bühnenbildner, mit dem ich damals gern zusammengearbeitet habe, hat diese Angebote oft abgelehnt: Der Weg war ihm zu weit, die Gage zu gering. So habe ich dann dort nicht nur Regie geführt, sondern mich auch um die Bühne und die Kostüme gekümmert. Das alles zu machen, macht enorm viel Spaß, und man arbeitet auch schnell. Schließlich sind die Entscheidungswege sehr kurz.

In Hannover sind Sie auch für die Textfassung verantwortlich. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

„Der Prozess“ ist mittlerweile der 15. Roman, den ich für die Bühne bearbeite. Ich beginne immer mit intensiver Lektüre. Siebenmal habe ich den Roman gelesen und jedes Mal habe ich dabei Sätze unterstrichen, die mir wichtig schienen. Für jeden Durchgang habe ich einen andersfarbigen Stift genommen. Irgendwann merkt man dann, dass man im Grunde immer dasselbe anstreicht. Das ist dann die Essenz des Buches, mit der ich arbeiten kann. Dann setze ich mich an den Laptop und schreibe das ab. Dabei arbeite ich auch mit unterschiedlichen Schriftgrößen. Da wissen die Schauspieler beim ersten Blick auf den Text, was mit Nachdruck und was eher beiseite gesprochen werden soll. Ich arbeite ein bisschen auch wie ein Musiker.

Wird die fertige Fassung bei den Proben noch verändert?

So gut wie gar nicht. Wir haben bisher zwei Wörter geändert, mehr nicht. Ein Musiker fängt ja auch nicht an zu diskutieren, ob man Mozart nun ganz anders spielen sollte. Man kann über die Tempi reden, man kann über die Phrasierung reden, aber man kann nicht darüber diskutieren, ob man nun diese Noten spielt.

Das könnte auch ein autoritärer Regisseur alter Schule sagen. Welche Lehren haben Sie eigentlich aus Ihrer Zeit am Freien Theater gezogen?

Vielleicht die, dass man nicht einfach nur funktionieren muss. Dass man seinem Bauchgefühl vertrauen sollte und ruhig mal sehr schräg und abseitig zu arbeiten anfangen kann. Und dass man Geduld und Gottvertrauen haben muss. Am Ende wird sich der Schleier lichten, und dann wird sich zeigen, dass wir etwas angerichtet haben, das wir im Probenprozess noch gar nicht richtig verstanden haben.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

Kultur 850 Jahre Kloster Loccum - Das Erbe der Mönche
Simon Benne 17.09.2012
17.09.2012