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Kultur Analoge Leuchttürme
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19:06 10.10.2012
Von Martina Sulner
Hoch die Bücher: Regale einer Freiluftbibliothek auf der weltgrößten Bücherschau. Quelle: dpa
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Frankfurt

Am Rand von Halle 4.1. auf dem Frankfurter Messegelände ist die Welt noch analog. Ein Hersteller hochwertiger Stifte lädt dort die Besucher ein, mit Bleistift, Filzer oder Kugelschreiber den Inhalt ihrer Taschen aufzumalen. Ganz altmodisch auf einem kleinen weißen Blatt Papier. Wer mitmacht, darf sein Bild an eine Pinnwand hängen - und bekommt zur Belohnung einen feinen Stift. Das Interesse an den vermeintlich altmodischen Schreibgeräten ist am ersten Tag der Messe, auf der sich vieles um die digitale Entwicklung des Buchmarktes dreht, enorm.

Jeder Aussteller, der auf dem weltweit wichtigsten Branchentreffen aus der Masse herausstechen will, muss sich eben etwas einfallen lassen. Schließlich buhlen bis einschließlich Sonntag mehr als 7000 Verleger aus rund 100 Ländern um die Aufmerksamkeit von Agenten, Journalisten, Buchhändlern und ab Sonnabend auch um die der „normalen“ Leser, die erst am Wochenende aufs Gelände dürfen. Rund 1000 Autoren präsentieren sich auf der Messe, deren Hallen seit gestern geöffnet sind. Da ist jeder Verlag glücklich, der einen Star im Programm hat, der richtig Publikum anzieht. Selbst die Besucher scheinen manchmal froh über die Berühmtheiten: Die schiere Zahl von Hunderten von Lesungen und Diskussionsforen pro Tag und die vielen in Deutschland unbekannten Autoren - etwa aus dem diesjährigen Gastland Neuseeland - können einen schon mal überfordern. Da sind die Prominenten, die als Leuchtturm aus der Masse herausragen, gern gesehen:

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Ihre Auftritte können auch den Ablauf eines Messetages strukturieren.

Arnold Schwarzenegger ist solch ein leibhaftiger Leuchtturm, und er war unbestritten der Star des ersten Messetags. Als er am ARD-Stand seine Autobiografie „Total Recall - Die wahre Geschichte meines Lebens“ (erschienen bei Hoffmann und Campe) vorstellte, drängelten sich rund 500 Menschen um den Ex-Gouverneur von Kalifornien. Schwarzenegger, ganz erprobter Wahlkampfredner, erzählte erst im Schnelldurchgang seine Lebensstationen und hielt dann eine Art Grundsatzreferat zu Fragen der Politik, des Umweltschutzes und der ehelichen Treue. In seiner Ehe habe er versagt, sagte er - und erklärte mit einer gehörigen Portion Pathos: „Aus Niederlagen lernen wir mehr als aus Siegen.“ Er wolle seine frühere Ehefrau Maria Shriver, die sich nach Bekanntwerden seiner diversen Affären von ihm getrennt hatte, zurückgewinnen.

Erst kurz vor seinen Auftritten war Schwarzenegger aus Kalifornien eingeflogen und sah trotz seines gebräunten Teints ein bisschen erschöpft aus; seine Messetermine zog er jedoch diszipliniert durch. Hoffmann-und-Campe-Verleger Günther Berg hatte zusätzlich zur Pressekonferenz geladen. Auch dort erzählte Schwarzenegger, auf Englisch, die unglaubliche Geschichte des kleinen, armen Arnold aus der Nähe von Graz, der es zum reichen Mann und Gouverneur von Kalifornien gebracht hat. Zudem nutzte der Mittsechziger die Möglichkeit, für seine Stiftung zu werben. Die unterstützt Menschen, die sich parteiübergreifend für regionale Politikprojekte und für Umweltschutz engagieren.

Nicht ganz so pathetisch wie Schwarzenegger, aber ähnlich professionell präsentierte sich ein weiterer Star in Frankfurt - sogar einer, der unbestritten schreiben kann: Ken Follett, dessen neues Epos „Winter der Welt“ gerade die Bestsellerlisten stürmt. Der 63-Jährige ist einer der weltweit erfolgreichsten Autoren. Dutzende (meist historische) Romane hat der Brite geschrieben; die Gesamtauflage seiner Bücher liegt bei mehr als 130 Millionen Exemplaren.

Sein deutscher Verlag, Bastei-Lübbe, hat für Ken Folletts Auftritt in einem schlichten Konferenzraum die Wände mit Werbepostern für die Neuerscheinung dekoriert. Sonderlich ansprechend sieht das zwar nicht aus und die Luft in dem Raum ist zum Schneiden, doch der Star - grauer Anzug, graue Haare, dunkle Krawatte - plaudert sich eloquent und charmant durch die Veranstaltung.

Klar, der Autor erzählt einiges über sein Buch, das in den dreißiger und vierziger Jahren spielt. Der Auftritt macht jedoch vor allem deutlich, dass es auf der Frankfurter Buchmesse längst nicht mehr nur ums Buch geht. Die Besucher sehen erste Ausschnitte aus der Verfilmung von Folletts Roman „Welt ohne Ende“ mit Cynthia Nixon (bekannt aus „Sex and the City“), Ben Chaplin und Peter Firth in den Hauptrollen. Ende November wird SAT.1 die Miniserie in Deutschland ausstrahlen. Wenn die ersten Eindrücke nicht täuschen, kommt da ein opulentes Mittelalterspektakel auf die Zuschauer zu, in dem heftig gekämpft und gehurt, intrigiert und geliebt wird.

Parallel zur TV-Verfilmung ist eine Dokumentation übers Mittelalter entstanden, in der Ken Follett dem Publikum unter anderem erzählt, dass es beileibe nicht nur düster im Mittelalter zuging. Der Titel der Doku lautet dennoch „Reise in das dunkle Zeitalter“.

Roman, Verfilmung, Doku zur Verfilmung: Die Frankfurter Buchmesse präsentiert jeden Teil dieser Verwertungskette und zeigt dadurch, wie sehr sie sich mittlerweile als Medienmesse versteht. Das gebundene Buch bildet noch immer den Schwerpunkt der Messe, wie auch die Veranstalter und der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, nicht müde werden zu betonen. Der digitale Wandel indes, der die Branche heftig umtreibt und vor tiefgreifende Strukturveränderungen stellt, ist in Frankfurt Gesprächsthema Nummer eins. E-Books, bis vor Kurzem eher das Schreckgespenst der Branche, sind jetzt tatsächlich beim Leser angekommen; der Umsatz der Internethändler steigt kontinuierlich - und das macht den lokalen Buchhändlern das Leben schwer.

Angesichts dieser Probleme der Branche wirkt der Auftritt von Arnold Schwarzenegger fast schon rührend: Mit Fleiß und Leidenschaft, sagt der Ex-Terminator mehrmals, lasse sich jedes Ziel erreichen. Da möchte man nur zu gern glauben, dass das auch für die Buchbranche gilt.

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