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Kultur Anne-Sophie Mutter spielt Sofia Gubaidulina im Funkhaus Hannover
Nachrichten Kultur Anne-Sophie Mutter spielt Sofia Gubaidulina im Funkhaus Hannover
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20:06 14.11.2011
Blumenbild mit Mutter: Dirigent Eivind Gullberg Jensen und Sofia Gubaidulina nehmen die Geigerin in die Mitte. Quelle: León
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Hannover

Anders als früher würde das heute aber kaum noch jemanden im Publikum schockieren. Im Gegenteil: „Es gibt da ein großes Interesse.“ Tatsächlich war beim späteren Konzert im Großen Sendesaal nicht nur der Andrang gewaltig, was bei der berühmten Solistin nicht überrascht, sondern im Saal war auch eine Spannung und Vorfreude zu spüren, wie sie bei gewöhnlichen Konzerten nicht auftritt. Anne-Sophie Mutter spielt nicht Brahms oder Bruch, sondern ein Werk der 80-jährigen russischen Komponistin Sofia Gubaidulina: Was vor einigen Jahren eher ein Makel für den ungetrübten Konzertgenuss gewesen ist, scheint die Zuhörer heute besonders stark anzuziehen. Neue Musik, das muss man am Ende einer außergewöhnlichen und überraschend erfolgreichen hannoverschen Konzertwoche feststellen, ist salonfähig geworden.

Fünf Tage lang hatten der NDR und die Musikhochschule mithilfe vieler Finanzierungspartner ein „Fest“ für Gubaidulina ausgerichtet. Die Konzentration auf das Werk einer einzigen Komponistin hat sich dabei als Erfolgsmodell erwiesen. Ihr Name dürfte hannoverschen Musikfreunden inzwischen fast so leicht von der Zunge gehen wie die von Bach oder Beethoven. Solche Komponisten waren schließlich der Maßstab, wenn es in den vergangenen Tagen um Sofia Gubaidulina ging. Bei den Gesprächen und Vorträgen des Festivals zumindest wurde an Superlativen nicht gespart. Die Russin, so der einhellige Tenor aller Beteiligten, ist eine große Komponistin, deren Musik noch lange gespielt werden wird.

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Ihr zweites Violinkonzert „In tempus praesens“, das nun das Festival beschloss, lieferte noch einmal starke Argumente für diese Zukuftsmusik. Obwohl die Musik sehr komplex ist, gibt es darin Episoden und Zusammenhänge, die schon beim ersten Hören ihre Wirkung entfalten. In der Mitte des Werkes gibt es beispielsweise eine beängstigend lange Folge von brutalen, immer wieder durch Stille unterbrochenen Orchesterakkorden, zwischen denen die Sologeige umherirrt wie ein Gefangener hinter Gitterstäben. Später leuchten aus der Dunkelheit bronzene Nachklänge alter Choräle, aus denen die Geige Kraft und Wärme zu beziehen scheint, um am Ende zart triumphierend in höchster Höhe zu verklingen. Es ist viel Dramatik in dieser fast-erzählenden Musik, die sich stets neu mit Geheimnis umgibt, bevor sie zu einer greifbaren musikalischen Schilderung wird.

„In tempus praesens“ war eine Auftragskomposition des berühmten Musikmäzens Paul Sacher, der sich ein Gubaidulina-Konzert für Anne-Sophie Mutter wünschte. Vollendet wurde das Stück 2007, acht Jahre nach Sachers Tod, und etablierte sich fast sofort nach der Luzerner Uraufführung durch Mutter, die Berliner Philharmoniker und den Dirigenten Simon Rattle im Repertoire. In dem Dokumentarfilm „Sofia – Biografie eines Violinkonzertes“, der am Wochenende ebenfalls beim Festival zu sehen war, ist diese erste Aufführung festgehalten.

Vor der Vorführung gab es ein öffentliches Gespräch mit Anne-Sophie Mutter, in dem sie eloquent und gut gelaunt ihrer Verehrung der Komponistin Ausdruck gab. Dabei verriet die Geigerin auch, wie sie die besonders schwierigen Passagen des neuen Konzertes meisterte: „Ich habe wohl etwas von meinen Dackeln geerbt – ich kann mich in etwas verbeißen.“ Schließlich wies Mutter darauf hin, dass gerade ein weiteres Werk eines großen Musikers für sie in Arbeit ist: Der 7. September 2014 ist als Uraufführungstermin eines Violinkonzertes von Pierre Boulez geplant.

Für die Solistin könnte das eine weitere Gelegenheit sein, als Initiatorin von wichtigen Werken in die Musikgeschichte einzugehen. Gubaidulinas Konzert jedenfalls ist es sehr deutlich anzuhören, für wen es geschrieben ist. Mutters großer Ton, ihre konkurrenzlos strahlende Höhe geben dem gut halbstündigen Werk eine Wucht, die das Publikum so begeistert, dass am Ende nach langem Applaus die zweite Hälfte des Stückes als Zugabe wiederholt wird.

Natürlich haben die Radiophilharmonie und ihr Dirigent Eivind Gullberg Jensen daran ihren Anteil. In großer Besetzung (allerdings ohne Geigen) läuft das Orchester auch technisch zu Hochform auf und bringt dabei mehr als einmal einen Komponisten in der Erinnerung, auf den Gubaidulina sich eigentlich nicht explizit bezieht: Einen so großartig kargen Orchesterklang hat vor ihr bereits der Russe Modest Mussorgski geschrieben.

Neben dem Violinkonzert waren im Funkhaus noch zwei weitere Werke zu hören. Arvo Pärts betörender „Cantus in memory of Benjamin Britten“ erinnerte mit zeitlupenhaft verlangsamtem Siciliano-Rhythmus daran, dass Musik aus dem 20. Jahrhundert nicht immer kompliziert sein muss. Beethovens experimentierfreudige achte Sinfonie tönte dann klangschön, aber enttäuschend pauschal und konnte grundsätzliche Zweifel daran wecken, ob es Gullberg Jensen wirklich gelingt, der (bei der Radiophilharmonie bereits sehr hohen) Summe der Orchesterteile überhaupt noch etwas hinzuzufügen. So aber freut man sich zur Abwechselung, wenn das bewährte klassische Stück vorbei ist. Denn danach kommt endlich die Neue Musik.

Stefan Arndt