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Kultur Aribert Reimanns neue Oper „Medea“
Nachrichten Kultur Aribert Reimanns neue Oper „Medea“
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19:58 01.03.2010
Von Rainer Wagner
Szenen einer Ehe: Marlis Petersen (Medea) und Adrian Eröd (Jason). Quelle: dpa
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Aribert Reimann hat keinen Grund zum Klagen, dennoch ist er ein Meister des Klagens. Beides hängt miteinander zusammen, denn der Berliner Komponist hat vor allem mit musiktheatralischem Lamento, mit opernhaftem Aufschrei, mit Leidmotiven die Bühnen erobert. Zwei Opern nach Strindberg gehören da ebenso wie das Nixendrama um Melusine zum vergleichsweise Leichteren, ansonsten verhandelt Reimann gerne die großen Dramen: Shakespeares „Lear“ etwa, dessen Vertonung 1978 der endgültige Durchbruch für den Komponisten war. Es folgte die Griechentragödie „Troades“, Kafkas Verzweiflungslabyrinth „Das Schloss“ und García Lorcas Tragödie „Bernarda Albas Haus“. Und jetzt also „Medea“, die Geschichte einer Raserei. Die bei der Uraufführung an der Wiener Staatsoper vom Publikum gefeiert wurde.

Was im „Medea“-Stoff steckt, haben nicht nur Theatermacher in den vergangenen Jahren wieder öfter ausprobiert: Zu schillernd ist das Schicksal einer Mutter, die aus Rache ihre Söhne meuchelt. Pier Paolo Pasolini und Lars von Trier verfilmten den Stoff, Dario Fo, Christa Wolf, Heiner Müller verarbeiteten ihn literarisch. Tom Lanoyes Adaption „Mamma Medea“ war beim hiesigen „Theaterformen“-Festival zu erleben. Manchem taugt Medea auch als Gleichnis der Anpassungszwänge: Eine Migrantin scheitert.

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Aribert Reimann, der sich seine Libretti gerne selbst zurechtschneidert, hat nicht wie bei „Troades“ auf Euripides zurückgegriffen, sondern auf Franz Grillparzers „dramatisches Gedicht in drei Abteilungen“. Das ist nicht nach der Heldin benannt, sondern heißt „Das goldene Vließ“. Um geraubtes Gut geht es nämlich auch (und um Flüche, Verwünschungen und unschöne Gottesgaben). Zu Beginn von Reimanns Nacherzählung der Tragödie vergräbt Medea das den Räubern geraubte Vließ. Am Ende, wenn sie die Nebenbuhlerin Kreusa verbrannt und die eigenen Söhne getötet hat, bringt sie es dorthin zurück, wo es hingehört. Und will sich dem Spruch der Götter stellen.

Dazwischen liegen zwei Stunden (plus Pause), in denen Reimann, der übermorgen 74 Jahre alt wird, sein altmeisterliches Können demonstriert. Das Orchester grummelt, es grundiert dunkel das düstre Geschehen, es skandiert nur selten Grelles. So klar konturiert der Klang auch ist, er wird selten füllig, will kaum dem Gesang Paroli bieten. Reimann weiß, wie man Singstimmen bedient (er war lange auch erfolgreich Liedbegleiter am Klavier). Die Rolle der Medea hat er der Sopranistin Marlis Petersen auf den beweglichen Leib geschrieben. Und wie er sie fördert und fordert, das ist respektheischend. Dass Reimanns Tendenz zur allzeit gezackten Stimmführung, zum gerne punktierten Auf und Ab bei fast jeder Silbe auch mal nerven kann, das vergisst man schnell wieder, wenn er etwa Medeas Ausbruch ganz verhalten intoniert: beklemmend.

Reimanns „Medea“ ist eine Literaturoper, deren Musik die Literatur immer wieder kontrapunktiert, die nicht einfach nur vertont, sondern mit dem Widerständigen arbeitet. Nur wenn Kreusa allzu gefällig säuselt (was Michaela Selinger famos kann), macht es sich die Musik leichter als sie sollte. Dafür gibt sie dem Weichei Jason, der nicht nur sein Weib Medea dem Aufstieg opfern würde, baritonale Vielschichtigkeit: Adrian Eröd gewinnt an Format. Michael Roider als Kreon, Max Emanuel Cencic als – auch stimmtechnisch abgehobener – Herold und vor allem die substanzreiche Elisabeth Kulman als Medeas Vertraute Gora ergänzen das Ensemble.

Der mit Reimanns Musik vertraute Dirigent Michael Boder konnte das Orchester der Wiener Staatsoper bestens motivieren. Er führte die Musiker sicher auch durch rhythmisch vertrackte Passagen, sorgte für tragfähige Grundierung und hielt die Solisten souverän zusammen.

Nicht ganz so kunstvoll, sondern eher holzschnittartig geriet die Inszenierung durch den Routinier Marco Arturo Marelli, der im Anschluss an die Uraufführung zum Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper ernannt wurde (was einiges über das Haus aussagt). Zusammen mit seiner Frau Dagmar Niefind (Kostüme) sorgte Marelli für eine sehr übersichtliche Inszenierung: die Wilde in Rot, die edlen Griechen in Weiß, die Handlanger in Silbergrau. Die Griechen sind die da oben – im futuristischen Glaspavillon. Und wenn alles ins Rutschen kommt, kullern die Lavafelsen.

„Medea“ wäre nicht die erste Reimann-Oper, die im zweiten Anlauf überzeugender geriet als bei der Premiere. Hannover hat das einst nicht nur mit „Troades“ vorgemacht. Karten unter www.wiener-staatsoper.at

Ronald Meyer-Arlt 28.02.2010
Karl-Ludwig Baader 26.02.2010